Der Roadtrip

Was macht man, wenn einen die Arbeit erdrückt? Was macht man, wenn einem die Decke zu Hause auf den Kopf fällt? Was macht man, wenn die Alemannia mal wieder eine miese Leistung nach der anderen abliefert? Richtig – man packt seine Sachen, verlässt die Region und sucht sich eine andere Mannschaft. Zumindest für ein paar Tage, da eigentlich nur ein Team in Frage kommt, insofern man von „Fremdgehen“ reden will – natürlich die deutsche National-mannschaft.

So geschehen in der letzten Woche, als sich gleich drei Sportfreunde auf den Weg nach Bremen gemacht haben. Dort stand nämlich das äußerst prestigeträchtige Freundschaftsspiel gegen die „équipe tricolore“ auf dem Programm. Aber der Reihe nach, es sollten nämlich drei ereignisreiche Tage werden, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Nach einer eher mäßigen sowie äußerst kurzen Nacht begann die Reise für Sabrina und mich hier in Aachen um 7.30Uhr. Eine Dreiviertelstunde später sollten wir nämlich im Zug sitzen. Das angepeilte Ziel war Hagen, denn dort sollte um 10.30Uhr unsere weitere Mitfahrgelegenheit warten, und zwar Fritz. Opulent gestärkt dank des neuen Yorma’s am Aachener Hauptbahnhof ging es dann auch pünktlich auf Reisen. Dies sollte bis Hagen allerdings nicht so bleiben. Als die „Achse des Bösen“ (Mönchengladbach, Düsseldorf …) bereits passiert war, fuhr der Zug nach Passieren von Wuppertal-Barmen in Wuppertal-Oberbarmen auf einmal nicht mehr weiter. Warum, das sollten wir erst einige Zeit später erfahren. Nichtsahnend verharrten Sabrina und ich in unserem Abteil, dessen Eingangsbereich sich mit und mit füllte – allerdings nicht mit zugestiegenen Fahrgästen. Vielmehr waren es die Fahrgäste aus dem vorderen Abteil, die sich schlagartig nach hinten begeben hatten. Doch warum? Keine fünf Minuten später wussten wir den erschreckenden Grund. Wie uns einheitlich berichtet wurde, hatte ein Mann seine Waffe gezogen und sie gut sichtbar für alle, die um ihn herum saßen, geladen. Es hatte also den Anschein, dass er gleich wild um sich schießen würde, weshalb das Abteil schnellstmöglich geräumt wurde. Da der Schaffner scheinbar unmittelbar informiert wurde, konnte der Schießwütige in seinem Abteil eingeschlossen und einige Zeit später von der Polizei überwältigt sowie abgeführt werden. Etwas viel Action am Morgen, dachten wir uns. Da überdies auch noch der Akku von Fritz’ Handy in der Zwischenzeit versagt hatte, wartete er nun mehr oder minder unwissend in Hagen auf die Ankunft unseres Zuges. Allerdings nicht lange, da er zwischenzeitlich auf die Idee kam, bei der Bahn nachzufragen, wo denn der Zug bleibe. Die Antwort, es habe einen Polizeieinsatz zur Sicherheit aller Fahrgäste gegeben, hat ihn wohl derart zusammenzucken lassen, dass er letztlich einen recht frohen Eindruck machte, als er uns eine halbe Stunde später endlich erblickte.

Dies sollte jedoch die einzige böse Überraschung bleiben, die letztlich unseren Weg säumte. Einige Stunden sowie etliche Öcher Lieder später kamen wir dann auch in Bremen an. Allerdings nicht dort, wo wir ursprünglich ankommen sollten. Vielmehr suchten wir umgehend einen Skoda-Partner heim, da sich auf dem Weg nach Bremen der für iPhone-Nutzer überaus wichtige Zigarettenanzünder verabschiedet hatte. Dafür, dass die kostenlose Reparatur letztlich 5 Minuten dauerte, war die Wartezeit mit knapp einer Stunde jedoch recht lang. Die Handys ladend ging es dann aber umgehend in die City. Etwas außerhalb in Findorff starteten wir unsere Tour durch Bremen in der Lilie, wo wir vorzüglich mit Kaffee, Kuchen und den ersten Gläsern Pils versorgt wurden. Allerdings konnten wir dort nicht ewig verweilen, da wir ja schließlich geplant hatten, uns am Abend im Bremer Weserstadion das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich anzusehen. Da wir drei uns für die Tage netter Weise bei verschiedenen Freunden bzw. Freundinnen einquartieren durften, mussten wir nun noch unser Reisegepäck loswerden, ehe es endlich losgehen konnte.

Und dann war es endlich so weit – wir waren „Auf dem Peterswerder“ angekommen. Nach einer kleinen Stärkung in Form von Bier und Wurst ging es dann auch unter dem Osterdeich durch zum Stadion. Dort trafen wir mehr oder minder direkt auf unseren Exil-Sportfreund und RTL-Journalist Patrick Kreitz. Keine 15 Minuten später hatten sowohl Fritz als auch ich vor der Linse gehangen und ein paar Worte in die RTL-Kamera gehaucht. Ich würde mal behaupten, dass ich wohl aufgrund meines etwas erhöhten Alkoholpegels „per se“ nicht mehr für eine Ausstrahlung in Frage kam. Fritz jedoch durfte mitsamt des Sportfreunde-Schals posieren und ein paar Takte erzählen. Hier der Beweis:

Leider jedoch mussten sich unsere Wege hier schon wieder trennen. Grund hierfür waren die insgesamt drei verschiedenen Kategorien an Sitzplätzen, für die wir Karten bekommen hatten. Während Fritz und ich auf der Nordtribüne Platz nehmen durften, verschlug es Sabrina aufgrund einer geschenkten Karte auf die Südtribüne. Am anderen Ende der Südtribüne nahm dann auch noch Patrick mit einem seiner Kumpels Platz. Das sollte der Stimmung jedoch keinen Abbruch tun. Ganz im Gegenteil. Fritz und ich hatten schnell neue Bekanntschaften gemacht. Wir amüsierten uns prächtig und versuchten noch, den ein oder anderen Gruß in die Heimat zu vermitteln. Dies klappte auch mit Ach und Krach, ehe das mobile Internet nun vollends zusammenbrach. Egal – ab jetzt war Nationalmannschaft, ab jetzt war Stimmung, ab jetzt waren die Sportfreunde präsent. Ohne übertreiben zu wollen, musste ich im Nachhinein feststellen, dass nach dem Spiel ein jeder Zuschauer, der im Umkreis von knapp 10-15 Metern saß, über die Situation der Alemannia und unseren Fanclub Bescheid wusste. Das war irgendwo auch der Tatsache geschuldet, dass das Spiel kein richtiger Aufreger war und obendrein sogar mit 1-2 verloren ging. Die Highlights waren zweifellos das umgebaute Weserstadion, der Einlauf der Mannschaften samt Hymnen sowie einige markante Sprüche der äußerst jungen Fans, mit denen wir uns schnell angefreundet hatten. Während die Väter noch eher gemäßigt daherkamen, legten die Jungens gleich richtig los. Auf ein Foul an ihm krümmte sich Franck Ribéry schnell am Boden, was einem jungen Fan aus der Reihe vor uns ein „Der spielt bei den Bayern. Das ist ok, den darf man foulen“ entlockte. Einige Abklatscher später waren wir endgültig mit unserer ungewohnten Sitzumgebung warm geworden. Mit dem Spiel klappte das leider nicht. Die deutschen Angriffe verpufften weitestgehend. Da die Franzosen die defensiven Unzulänglichkeiten der deutschen Mannschaft in der Folge konsequent ausnutzten, lag die Löw-Elf Mitte der zweiten Halbzeit schließlich 2-0 zurück und konnte in der Nachspielzeit lediglich noch durch das spielende Milchgetränk verkürzen. Sorry, Cacau war und ist sein Name. Kein guter Einstand für den grünen Satz Trikots, der nach Jahren der Abstinenz noch mal aus dem Schrank gekramt wurde. Egal – abgehakt. War ja nur ein Testspiel.

Und wozu sind Testspiele schließlich da? Richtig – man testet Spieler, Formationen, Spielzüge etc. und macht sich natürlich auch ein Bild vom Gegner. Allerdings gewannen wir dem Spiel im unmittelbaren Anschluss erstmal nichts Positives ab. Vielmehr saß der Frust, für so ein Spiel insgesamt rund 400 bis 500 Kilometer auf uns genommen sowie viel Geld für die Karten bezahlt zu haben, recht tief. Das sollte sich jedoch schnell wieder ändern, da wir direkt nach dem Spiel einen gewissen Franzosen namens Youssef kennenlernen durften. So viel vorab – ein durch und durch interessanter Typ, mit dem wir noch den ganzen Abend verbringen sollten. Auch, wenn er lediglich der französischen sowie der spanischen Sprache mächtig ist.

Während Sabrina, Patrick, Fritz und ich versuchten, uns wieder zu sammeln, lief mir dieser kleine Franzose über den Weg, der augenscheinlich einen Deutschland-Schal trug. Es hatte sogar den Anschein, als sei der Schal durchaus älter als sein Träger. Also fragte ich kurz, wo er denn herkomme. Während ich also Sabrina am Handy erklärte, wie sie am ehesten zu uns zurückfindet, erklärte mir der kleine Mann, er komme aus Metz. Das allein ist nun eigentlich nicht sehr beachtlich. Beachtlich wurde es erst, als er erklärte, er reise stets alleine und sei Supporter des deutschen Teams. Hier fiel uns allen, die wir endlich wieder beisammen waren, das erste Mal die Kinnlade runter. Da wir ein durchaus sympathisches Ziel für den weiteren Abend auserchoren hatten, nahmen wir ihn einfach mit. Eine Bleibe hatte er zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht. Ohnehin schien sein Redebedarf enorm zu sein, nutzte er schließlich jede Chance, sein enormes Fußball-Fachwissen zu verbreiten. Wer von euch wüsste noch, welche deutsche Mannschaft als erste in einem europäischen Cup-Finale gestanden hat? Wüsstet ihr auch das Ergebnis? Oder kennt ihr die Aufstellung der Bayern aus dem Champions League – Finale gegen Manchester United auswendig? Selbst über Energie Cottbus konnte er so einiges loswerden. Am beeindruckendsten war jedoch sein Wissen rund um die deutsche Nationalmannschaft. Hier glänzte er ein ums andere Mal und sprach uns nicht nur Mut für die EM zu. Nein – er überzeugte uns regelrecht davon, dass eigentlich kein Weg an Europameister Deutschland vorbeiführen kann. Schlüssig und absolut überzeugend ließ er uns unmittelbar nach dieser schmachvollen Niederlage gegen die Franzosen wieder träumen und sorgte so für einen wundervollen und ereignisreichen Abend, an dem noch viele weitere Leute unseren Weg kreuzen sollten.

Die weiteren Tage nutzten wir dann noch, um Bremen ein wenig besser kennenzulernen. Dank unseres fantastischen Guides Patrick ergab sich ein toller Donnerstag, der uns durch die gesamte Stadt führte und letztlich darin gipfelte, dass wir kurzerhand die Grillsaison 2012 eröffneten. Ehe es dann Freitagmittag wieder in Richtung Heimat ging, hatten wir jedoch noch einen kleinen Abstecher nach Bremerhaven gewagt. Optisch zwar keine Schönheit, aber mit toller Hafenanlage ausgestattet, die zum erholsamen Flanieren einlädt. Und womit schließt man einen Nordtrip am besten ab? Natürlich mit einem Fischessen auf dem Hafengelände – und eines kann ich euch verraten: Es war saulecker und ein toller Abschluss dieser tollen Tage.

Bleibt zu hoffen, dass unser kleiner französischer Freund Recht behalten wird. Wir Sportfreunde bauen auf seine Meinung und hoffen, dass die deutsche Nationalelf am 1. Juli 2012 die Trophäe in den Nachthimmel von Kiew heben darf.

Steffen

Über Steffen

Steffen ist Gründungsmitglied und "Chefredakteur" der Sportfreunde. Er bringt die Dinge auf den Punkt - mit schwarz-gelber Brille.
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