Der facettenreiche Ulli Potofski – Ein Interview

Wer sich für die Alemannia interessiert, der erinnert sich sicherlich an das Heimspiel gegen Hansa Rostock, als es mitunter turbulent zuging. Schiedsrichter Wingenbach, der im Zuge des Schnee-Spiels leider keine gute Figur abgegeben hatte, sorgte zusammen mit den Verantwortlichen beider Vereine sowie einer Platzkommission für viel Verwirrung und eine Wartezeit, die manch einem Tivoli-Besucher als endlos lang in Erinnerung bleiben wird. So man sich das Spiel jedoch vom heimischen Fernseher aus via SKY angeschaut hatte, wurde man Zeuge einer Berichterstattung, die es rund um die Alemannia in der Form schon lange nicht mehr gegeben hat. Angelehnt an den Tor-Fall von Madrid hat Ulli Potofski mit seiner Überbrückung der 45-minütigen Wartezeit abermals auf sich aufmerksam gemacht. Leider wissen viele nicht, dass auch er damals neben Marcel Reif und Günther Jauch in Madrid aktiv war. Sportfreund Fritz hatte jedoch recherchiert und daraufhin einen entsprechenden Bericht verfasst, woraufhin es zum Kontakt mit einem der bekanntesten Sportreporter in Deutschland kam. Im Zuge des Heimspiels gegen Paderborn stand Ulli Potofski den Sportfreunden schließlich Rede und Antwort und glänzte durch eine erfreulich offene sowie ehrliche Art.

Sportfreunde: Herr Potofski, nun ist es eher ein kurioser Zufall, dass ein Kontakt zwischen Ihnen und unserem Fanclub zustande gekommen ist. Können Sie uns vielleicht kurz verraten, wie sich die ersten Annäherungsversuche gestaltet haben? 

Potofski: Hier! (zeigt auf Fritz) Er ist Schuld! Er hat mir eine Mail geschrieben nach dem grandiosen Schneespiel von vor 14 Tagen. Ich fand das ja ganz lustig, was er so geschrieben hat. Von wegen Schlafwagen, Schaffner und so. Das hat mir gleich viel Spaß gemacht. Die Jungs musst du kennenlernen, die so direkt auf einen zugehen. Und deswegen sitzen wir jetzt auch hier.

Sportfreunde: Wir haben uns auch sehr gefreut, als wir gelesen haben „Sportliche Grüße, Bundesbahner Ulli P.“ Wir haben herzhaft gelacht.  

Potofski: Das habe ich gehofft, dass Ihr wenigstens über mich lachen könnt. Ich finde, dass Fußball viel zu ernst genommen wird. Aber das ist jetzt ein großes globales Thema.

Sportfreunde: Es ist viel darüber geredet worden. Auch Sie waren nicht untätig und haben in der Zwischenzeit der Redaktion von 11Freunde Rede und Antwort gestanden. Haben Sie ein kurzes und abschließendes Fazit zur Partie der Alemannia gegen Hansa Rostock?

Potofski: Also das Spiel war scheisse und die 40 Minuten vorher fand ich ziemlich amüsant, weil das einfach lustig zu sehen war, wie die erstmal verzweifelt versucht haben, diesen Platz da vom Schnee frei zu bekommen, was natürlich chancenlos war. Ich fand im Übrigen, im Gegensatz zu eurem Trainer und vielen Anderen, dass dieser Platz absolut bespielbar war. Dass man nicht gut darauf Fußball spielen kann, ist klar. Aber die Verletzungsgefahr war letztendlich dann nicht so hoch. Wenn ich da mal so zurückdenke an meine eigene sportliche Zeit, da habe ich auf viel, viel schlimmeren Plätzen spielen müssen oder dürfen. Letztlich mussten beide damit zurechtkommen. Das ist mein Fazit: Ich habe viel Spaß gehabt.

Sportfreunde: Das ging uns genauso! Eine Frage drängt sich uns wohl noch auf, und zwar: Was ist mit dem Orden geschehen, der Ihnen von der Öcher Prinzengarde während der unverhofften Wartezeit verliehen wurde?

Potofski: Da ich überhaupt kein Karnevalist bin und ich sowieso mit solchen Ordensauszeichnungen relativ wenig anfangen kann, habe ich das am Montag jemandem geschenkt, der ganz heiß darauf war – Ich habe bei mir in der Firma einen Jungen, der ein bisschen behindert ist. Also leicht geistig behindert, aber ein sehr lieber und sehr netter Kerl und der fand den so toll, diesen Orden. Der war so glücklich, dass ich mit so einem Orden in die Firma kam. Und da habe ich gesagt „Pass auf! Du bist jetzt eigentlich der Arbeiter der Woche gewesen und deswegen verleihe ich dir jetzt den Orden!“ Und der hat sich richtig darüber gefreut. Ich kann mit Orden nichts anfangen. Es war nett und lustig und süß, aber es war ein Karnevalsorden. Schuldigung, liebe Prinzengarde – der hat nicht so die ganz große Bedeutung und der Junge, der den Orden jetzt bekommen hat, der hat sich 1000 mal mehr darüber gefreut, als ich. […] Ich habe auch mal einen Bambi gewonnen vor 20 Jahren. Mir bedeutet so etwas nicht so viel, weil ich weiß, dass wenn du eine Auszeichnung kriegst, dich die Leute heute gut finden und morgen scheisse – Mal bist du der Schlafwagenschaffner und mal machst du es richtig. […] So ähnlich ist das ja auch mit Fußballern. Die haben einen Tag, an dem sie gelobt werden – Ich kann mich erinnern, dass ich hier mal erlebt habe, wie Pekka Lagerblom zwei Fehler gemacht hat gegen Hoffenheim und danach von den eigenen Fans bespuckt und besudelt wurde. Kein Spieler macht so etwas extra. Keiner! Der war sauschlecht an dem Tag, aber was die Leute mit dem gemacht haben, war nicht in Ordnung.

Und das ist genauso mit Reportern, mit Lehrern …  Ich finde, wir müssen einfach alle viel mehr Respekt voreinander haben und vor dem, was wir machen. Jeder, der Fußball spielt, glaube ich, versucht sein Bestes – hat mal einen guten und mal einen schlechten Tag. Jeder Reporter versucht sein Bestes – hat mal einen guten und mal einen schlechten Tag. Man darf die Leute kritisieren – man muss sie auch kritisieren, aber ich finde, man darf nie den Respekt verlieren. Das ist immer mein Lebensmotto gewesen und daran halte ich mich auch. Es ist egal, ob mir die Bundeskanzlerin oder jemand auf der Straße entgegenkommt, der mit seinem Hund Geld sammelt, damit er überleben kann: Ich behandle beide Leute gleich respektvoll und mehr will ich eigentlich auch nicht. […] Ich glaube wirklich, dass wir uns alle viel mehr um Werte bemühen müssen, aber das geht jetzt auch viel zu weit …

Ich finde das schön, dass wir alle locker miteinander umgehen und auch lustig. Man darf dem ein oder anderen auch einen Spruch reindrücken, das ist überhaupt nicht schlimm. Da würde mir was fehlen, wenn das nicht so wäre. Am Ende läuft immer alles auf Respekt hinaus. Und wenn ich den vor jemand anderem nicht habe, dann habe ich als Mensch am Ende versagt. Das ist jetzt aber vielleicht schon ein gesellschaftliches Problem …

Sportfreunde: Kommen wir zu Ihrer Person und zur Alemannia. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie nun so viele Alemannia-Spiele in Folge kommentiert haben? Heute kommentieren Sie erneut …

Potofski: Das ist purer Zufall! Es kann sein, dass ich heute das letzte Spiel von der Alemannia mache für die nächsten sieben Monate. Das ist purer Zufall! Ich weiß gar nicht, wie das kommt. Wahrscheinlich hat es was mit Anreisen zu tun. Ich wohne eine Stunde von hier entfernt. Andere müssen drei oder vier Stunden anreisen. Das bedenken die (Anmerkung der Red.: SKY) ja auch aus Kostengründen. Wer kommt wohin. Und deshalb bin ich jetzt relativ oft hier bei euch gewesen.

Sportfreunde: Wir würden ja glatt behaupten, dass alleine dieses Spiel von Rostock für einen gewissen Kultstatus sorgen könnte …

Potofski: Ja, aber das ist nicht mein Bestreben. Ich sage euch das offen: Das ist ja das, was ich immer sein muss. Ich versuche immer, so neutral wie möglich zu sein. Das sind ja so Situationen, die wir ja gleich diskutieren können. So eine Geschichte mit dem Levels letzte Woche in Düsseldorf, wo natürlich euer Trainer sagt „Klarer Elfmeter!“ und der Andere sagt „Nee, kein Elfmeter!“. Und das ist genau das, was Fußball ausmacht. Fans sehen das natürlich – oder auch Verantwortliche – sehr viel subjektiver. Und ich bin ehrlich: Ich habe bei der Situation in der realen Zeit gedacht „Ist kein Elfmeter“ und dann sehe ich die Zeitlupe und denke „Da kann man drüber diskutieren!“. Die Quintessenz des Ganzen ist: Fünf geben Elfmeter, fünf geben ihn nicht. Und das ist eben die Faszination des Fußballs.

Sportfreunde: Wie stehen Sie dementsprechend zu technischen Hilfsmitteln?

Potofski: Ich bin kein Freund davon, weil ich glaube, dass das viel von dem Mythos nimmt. Wir reden immer noch über 1966, über dieses Tor. War er drin – war er nicht drin? Es gibt vielleicht so zwei, drei Dinge, über die man diskutieren kann. Wenn es ein absolut sicheres Mittel gibt, ob der Ball hinter der Linie war – ja oder nein – dann wäre ich schon dafür. Aus deutscher Sicht müssen wir ja nur an die WM denken – gegen England. Das Spiel wäre möglicherweise komplett anders gelaufen. Da brauchen wir nicht drüber diskutieren.

Die Abseitsregel. Da kann man auch noch mal drüber diskutieren, ob dieses passive Abseits … da ist es natürlich so wahnsinnig schwierig, immer gleich alles zuzuordnen. Ich war neulich in England und habe ein Spiel gesehen von Manchester City. Die Zuschauer achten nie darauf, wann der Ball abgespielt wird, sondern immer, wann der Ball ankommt. Die haben immer protestiert: Abseits! Es war immer Abseits und die Leute haben sich tierisch aufgeregt – und waren immer im Unrecht. Das Problem ist, dass ein Fan und Zuschauer Fußball anders sieht, als der darauf dressierte Linienrichter. Und deswegen hat der nicht immer – die liegen auch schon mal schief -, aber fast immer Recht. Es gibt ein paar, die ein bisschen arrogant auftreten. Aber um Schiedsrichter zu sein, musst du eine besondere Macke haben. Wer sich da für 3.000€ hinstellt … aber dann beschimpfen und beleidigen lassen muss … da musst du schon ein besonderer Mensch sein. Aber gut, die haben sich das auch ausgesucht, deswegen kein Mitleid. Ich glaube aber auch, dass wir mit Schiedsrichtern gerechter umgehen müssen.

Sportfreunde: Das zeigt die aktuelle Entwicklung mehr denn je, wenn sich Schiedsrichter schon das Leben nehmen wollen …

Potofski: … oder Fußballer. Ich bin gespannt, wann sich der erste Reporter das Leben nimmt. Nein! (lacht) Das wollen wir nicht hoffen.

Sportfreunde: Nun weiß der eingefleischte Fußballfachmann, dass Sie eigentlich ein Kind des Ruhrpotts sind und andere Vereine präferieren …

Potofski: (mal wieder schneller als der fragende Steffen) Ich bin Schalker! Ich bin in Schalke geboren, das ist meine Heimat. Da mache ich auch überhaupt keinen Hehl draus. Ist ja auch logisch, dass ich da einen Lieblingsverein habe. Aber ich bin überhaupt kein Fanatiker. Ich bin auch einer, der gerne da mit rumlästert. Sehr gerne, das macht mir auch viel, viel Spaß. Aber ich verlasse nie eine bestimmte Grenze des Niveaus. Du wirst von mir nicht das Wort „scheisse“ hören, du wirst von mir nicht das Wort „Arschloch“ hören, du wirst nicht „Dortmunder Schwein“ hören oder sonst etwas. Ich finde das alles schrecklich. Und deswegen ist Schalke mein Verein. Aber wenn Schalke gegen Aachen im Pokal spielt, dann 2:1 verliert und ihr seid die bessere Mannschaft, dann würde ich das immer absolut anerkennen und zugeben.

Wie war das mit dem „Schlafwagenfahrer“? Da ist ja ein bisschen was dran! Ich bin keiner, der sich tierisch aufregt beim Fußball. Ich werde ganz selten meine emotionale Basis verlassen. Meine emotionale Basis ist immer die Mitte und nicht das da oben. Und ich finde es zum Teil schrecklich, was andere Kollegen machen mit ihrer Schreierei – dass irgendwelche Spiele hochgejazzt werden zu Top-Ereignissen. Was wollen diese Leute machen, wenn sie in die Verlegenheit kommen, das WM-Endspiel zu kommentieren? Man muss immer noch Steigerungspotenzial nach oben haben. Begeisterung – Ja. Ich mache das auch gerne. Wie dieser Fallrückzieher von Rösler bei Fortuna Düsseldorf. Das ist ein einmaliges Tor. Da freut man sich mit. Oder auch hier von euch: Der Demai mit dem Tor gegen St. Pauli. Da geht man natürlich mit, das feiert man auch entsprechend. Aber ich bin nicht bereit, für jedes mittelmäßige Zweitligator so zu tun, als ob ich der Chefreporter von Boca Juniors sei.

Sportfreunde: Dessen wird sich der neutrale Zuschauer meist gar nicht bewusst. Wir haben aufgrund Ihrer Mail auch noch mal genauer hingehört bei SKY und LIGA-TOTAL. Beispiel Bochum gegen Dresden – es war wirklich so. Es war laut, und zwar nicht von den Rängen, sondern vom Kommentatorenplatz. Okay, Union hat 3:3 bei Ingolstadt gespielt …

Potofski: … das hört sich so an, als ob man da ein bisschen mehr mitgehen kann, ja.

Sportfreunde: Anderes Spiel: Das 2-0 von Dresden bei Bochum war dann eher mau. Dresden war zwar besser, aber das war jetzt kein Spiel, um aus der Haut zu fahren …

Potofski: Ich sag ja: Ich wehre mich auch dagegen, weil es auch dem Fußball nicht gerecht wird – meiner Meinung nach. Dass ein Fan das anders sieht, verstehe ich ja wieder. Ein Fan muss auch anders sein! Ich bin in dem Fall, wenn ich da oben am Mikrofon sitze, kein Fan. Das ist auch immer das Problem bei den SKY-Reportagen: Du hast 5.000 Zuschauer in Aachen und 5.000 in Rostock. Du stehst immer in der Mitte. Du bist eigentlich immer der Verlierer. Egal, was du tust. Du hast ja keine neutralen Zuschauer, wie sonst. Wenn ich früher bei RTL „was-auch-immer“ kommentiert habe, oder im Radio, habe ich eine Menge neutraler Zuschauer gehabt. Also bist du für viele immer der Buhmann, weil du genau in der Mitte stehst. Ich versuche, das Ganze so neutral wie möglich zu machen. Aber wenn einer eine schöne Leistung bringt oder was Besonderes passiert, bin ich auch jederzeit bereit, mich darüber zu freuen. Also ich liebe Fußball, so ist das nicht. Wenn ich da oben bin, bin ich komplett neutral und in der Mitte angelangt und nirgendwo anders.

Sportfreunde: Nun beantworten Sie ja schon eine ganze Menge unserer Fragen auf einen Schlag. Allerdings liest man auf einem nicht immer ganz zuverlässigen Medium, dass Sie die 100-Jahr-Feier des VFL Osnabrück moderiert haben …

Potofski: (unterbricht abermals) Jaja, das stimmt ja! Ich bin aber kein Fan des VfL Osnabrück. Das steht nämlich bei Wikipedia und ist völliger Schwachsinn. Ich weiß gar nicht, warum das da steht. Überhaupt nicht! Ich bin überhaupt kein Fan vom VfL Osnabrück. Aber es stimmt, dass ich die 100-Jahr-Feier vom VfL Osnabrück moderiert habe. Aber ich habe auch die 100-Jahr-Feier moderiert vom SSC Heinsberg und von Grün Weiß Brauweiler. Das ist ein Part meines Lebens. Man kann mich in der Tat einkaufen, weil ich Moderator bin. Wenn irgendjemand kommt und sagt „Pass auf! Ich habe die und die Veranstaltung, und wir brauchen jemanden, der das moderiert“, dann mache ich das natürlich. Man hat dann manchmal etwas mehr Sympathie, weil man 2-3 handelnde Personen kennenlernt. Das will ich nicht abstreiten. Wenn ich dann aber wieder in meiner Rolle als Journalist bin, und es ist keine Rolle, sondern eine Lebenseinstellung, dann habe ich das wieder komplett vergessen. Dann können die mir vorher auch 5.000€ gegeben haben für die Moderation. Deswegen werde ich sie nicht besser machen können. Definitiv nicht.

Sportfreunde: Dies hatte uns auch in der Tat gewundert, dass dort kolportiert wird, dass Osnabrück …

Potofski: Nee! Nee! Nee! Das ist völliger Unsinn. Das hat einer bei Wikipedia reingeschrieben. Da kannst du ja reinschreiben, was du willst. Ich weiß, dass es da drin steht, aber ich habe nie was daran gemacht. Ist mir auch scheissegal.

Sportfreunde: Dann fragen wir erst gar nicht, wo Sie die Alemannia ansiedeln würden …

Potofski: (der scheinbar gerne ins Wort fällt) Das kann ich klar sagen! Da habe ich ja auch kein Problem mit. Es ist so, dass ich schon alleine deshalb gerne hierhin komme, weil so ein Junge wie der Thorsten Pracht hier ist. Das hilft ja, weil der super zuverlässig ist und super professionell, wenn du Auskünfte haben willst. Die kriegst du nicht überall so ohne Weiteres. Das ist ja komischerweise in diesem Job so. Manchmal ist das schon schwer, irgendetwas in Erfahrung zu bringen. Simple Dinge, wie Mannschaftsaufstellungen. Da läufst du also als blöder Reporter manchmal so eine Stunde hinterher, um Aufstellungen zu bekommen. Das ist total nervig. Und das ist hier sehr professionell.

Ich habe auch mit Erik Meijer viel Spaß gehabt, weil ich mit dem viele Dinge abseits des Fußballs gemacht habe. Deswegen ist es immer schön, hierhin zu kommen. Weil man ein paar Leute kennt. Das ist dann schon ein Vorteil.

Aber nochmals: Wenn ich hier ein Spiel kommentiere, werde ich das immer neutral machen! Komplett. Und wenn die Alemannia ein gutes Spiel macht, bin ich auch bereit, mitzugehen. Gar keine Frage, aber dazu bin ich auch bereit, wenn Paderborn hier heute 3:0 gewinnt. [Anmerkung der Red.: Ganz üble Vorahnung gehabt, der Ulli …]

Sportfreunde: Nachvollziehbar. Auch aus Gründen der Fairness …

Potofski: Ich darf gar nicht anders! Das ist mein Job.

Sportfreunde: Was würden Sie denn der Alemannia für die Zukunft wünschen? Momentan sieht es ja nicht soooo …

Potofski: So doof und so simpel sich das jetzt anhört: Jetzt muss du erstmal die Klasse halten! Ich sehe aber, das meine ich jetzt ehrlich so, dass da wieder eine gewisse Stabilität eingekehrt ist in den letzten Wochen und Monaten. Jetzt müsst ihr natürlich ein paar Spiele mehr gewinnen und nicht nur Unentschieden. Das ist ganz klar, dass Aachen für mich eine Mannschaft ist, die in der zweiten Liga zumindest mal nach ganz oben gehört. Auf Dauer vielleicht auch mal wieder ein Gastspiel in der ersten Liga.

Jetzt haben sie hier so ein schönes großes Stadion gebaut, was natürlich ein bisschen überdimensioniert ist. Das wisst ihr wahrscheinlich besser als ich. Aber daran müssen sie arbeiten, dass sie natürlich dieses Stadion bezahlen können. Und dafür brauchen sie, und das ist das Dumme an diesem „scheiss“ Profifußball, zwingend Erfolg. Sonst gehst du kaputt. So simpel ist das. Und ich gönne ihnen, dass sie einfach nicht kaputt gehen. Ist doch ein Traditionsverein. Ich komme ja hier aus dem Westen. Solange ich lebe, kenne ich Alemannia Aachen! Hubert Clute-Simon … Ich habe hier Pokalspiele am Tivoli übertragen: Aachen gegen Schalke, für das Radio, da wart ihr beide noch gar nicht auf der Welt! Das ist so etwas, was natürlich für mich prägend ist.

Und hier – Münzenberg -, der mal Präsident war, der hat mich mal zur Sau gemacht vor Kurt Brumme. Ich weiß nicht, ob Ihr den überhaupt noch kennt?

Sportfreunde: Ja sicher! Das ist der damalige Mogul, der Sie mit in die Medienlandschaft gebracht hat …

Potofski: Genau! WDR-Sportchef. Kurt Brumme hat mich mal deshalb zur Sau gemacht, weil ich zu Herrn Münzenberg nicht ordentlich „Guten Tag“ gesagt habe. Und so etwas vergisst man natürlich nicht. Das ist aber fast 40 Jahre her … nicht ganz … 35 … aber so hast du bestimmte Schlüsselerlebnisse, die auch etwas mit Alemannia Aachen zu tun haben. Da habe ich den nicht ordentlich gegrüßt oder begrüßt und dann hat er sich bei Kurt Brumme über mich beschwert. Und am Montag bekam ich dann in der Konferenz einen Rüffel, weil ich mich in Aachen schlecht benommen habe. So etwas bleibt ja hängen.

Sportfreunde: (nachdem sich alle von einem herzhaften Lachanfall erholt haben) Schön zu hören, vor allem, weil wir ein bisschen was gelesen haben über Ihren Quereinstieg in die Medienlandschaft – wie Sie damals reingekommen sind. Aber kommen wir noch ein wenig zu Ihnen. Viele bringen Sie ja nur mit dem Sport in Verbindung. Dabei haben Sie eine Ausbildung zum Koch gemacht, waren DJ, sie haben gesungen …

Potofski: … schlecht!

Sportfreunde: … Sie haben Sachen kommentiert, wie den „Domino Day“, Big Brother, vor 18 Jahren die Ulli-Potofski-Production gegründet und haben ein Repertoire an Entertainern, Reportern und Kommentatoren, die sie dort vermitteln. Zum Beispiel Kai Ebel oder Ulrike von der Groeben. Sie schreiben seit 2004 Jugendfußballromane und seit neuestem auch Hörbucher und gehen demnächst wieder auf Lesereise. Warum so viele verschiedene Standbeine?

Potofski: Das ist auch relativ einfach erklärt. Ich bin ja freier Künstler, sozusagen. Ich arbeite ja frei. Wenn dann Sommerpause ist, verdiene ich ja kein Geld. Also muss ich ja sehen, dass ich irgendwo Geld verdiene. So simpel sich das anhört, es geht natürlich auch immer darum, Geld zu verdienen. Das ist aber auch nicht alles! Wenn man Kinderbücher schreibt – das macht man nicht, um Geld zu verdienen. Das ist albern. Es macht unheimlich viel Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Man hofft auch, dass man mal was hat – so wie die „Teufelskicker“, die plötzlich ein ganz großer Erfolg werden. Davon träumt man natürlich.

Das ist wie früher, als man Platten gemacht hat. Dann hat man die rausgebracht und gehofft, dass die in die Hitparade kommen, um dann reich und berühmt zu werden. Natürlich hat das was damit zu tun. Es hat auch was mit Selbstverwirklichung zu tun. Jeder, der so etwas macht, ist auch ein bisschen eitel – eitel ist vielleicht bei mir das falsche Wort.

Man will nach vorne kommen, man will Menschen kennenlernen, man will Erfolg haben. Man macht das ja nicht nur für sich, sondern auch für Andere. Bei mir ist es einfach eine Notwendigkeit, um am Ende, genau wie jeder andere Mensch, alles bezahlen zu können. Ich hoffe, dass am Ende des Jahres genug übrig bleibt, um alle meine Projekte zu bezahlen und zu unterstützen. Wenn man ein Hörbuch oder ein Hörspiel macht, verdient man oft kein Geld und verliert auch mal 5.000€ oder 6.000€. Aber ich mache das trotzdem, weil ich erstens hoffe, dass auch mal richtig was losgeht und zweitens, weil ich auch andere Dinge machen will. Jetzt kommt was ganz Böses: Ich glaube, wenn man nur Fußball macht – jetzt kommt was ganz Böses.  Das ist nicht gut. Das ist nicht gut. Ehrlich nicht. Fußball ist super! Aber nur Fußball … Ich möchte mein Leben nicht auf Viererketten und Rauten begrenzen. Ich finde das toll, ich liebe es, aber nur? Das ist mir zu einseitig.

Sportfreunde: Da passt doch ein Spruch, wie kein anderer: „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt“.

Potofski: Ja wenn das dann auch so wäre, dann ist ja gut. Leider – oder Gott sei Dank, bin über diese Sparte ein bisschen bekannt geworden, aber du bist dann auch festgelegt. Ich würde gerne „Titel – Thesen – Temperamente“ machen. Das lässt mich natürlich keiner. Kultur interessiert mich mindestens genauso viel wie Fußball. Aber du bist festgelegt, wenn du dann mal so in der Öffentlichkeit stattgefunden hast. Ich verdanke dem Fußball viel, ich liebe Fußball, aber nur Fußball möchte ich nicht.

Sportfreunde: Sind denn noch weitere Sachen in Planung?

Potofski: Es passiert immer was. Ich mache immer was Anderes – irgendwas Neues. Das ist auch wichtig für mich. Ich habe immer eine Idee. Das ist auch mein Glück. Das hat mir der liebe Gott geschenkt. Darauf darf man sich nichts einbilden. Jetzt bin ich gerade dabei, mit jemandem zusammen für das ZDF eine Fernsehserie zu entwickeln im Fiction-Bereich. Das macht mir auch viel Spaß. Ob daraus was wird, wissen wir nicht. Aber ich möchte immer was machen, was ausprobieren.

Sportfreunde: Es wurde eben schon mal angesprochen: Spiele der Alemannia, die Sie erlebt haben und die wir noch nicht mal ansatzweise erleben konnten. Auch der Tor-Fall von Madrid war etwas Legendäres. Gibt es auch ein legendäres Spiel, an das Sie sich erinnern? Das Sie sehr gerne und mit völliger Inbrunst kommentiert hätten?

Potofski: Jetzt auf Alemannia bezogen oder generell?

Sportfreunde: Sowohl als auch …

Potofski: Ich erinnere mich gerne an dieses Pokalspiel von Aachen gegen Schalke, als – wenn ich es richtig im Kopf habe – Clute-Simon gerade nach Schalke gegangen ist und dann, so meine ich, das entscheidende Tor geschossen hat. Aber das ist so lange her. Ich bin kein Statistikfreak. Ich meine, es war so. Aber der alte Tivoli war für einen Hörfunkreporter perfekt. Du hast da Fußball gelebt und erlebt, wie – das kann man jetzt wirklich so sagen – in ganz wenigen anderen Stadion Europas. Und ich bin europaweit rumgekommen. Und das war immer das Schöne, wenn man am alten Tivoli war – das Pokalspiel und natürlich das Radio. Radio ist im Grunde auch schöner als Fernsehen. Beim Radio kann dir nie einer vorwerfen, du würdest zu viel quatschen. Ist ja so. Früher war das so, dass der Radioreporter auch nicht kontrolliert werden konnte. Heute kannst du ja – wenn du willst – parallel bei SKY gucken. Erkennt der die Spieler eigentlich richtig? Früher konntest du beim Radio ja sagen, was du wolltest … also der Torschütze musste schon richtig sein. Da kannst du dir natürlich viel mehr Fehler erlauben. Ist ja klar. Und die Radioreportage lebt von der wirklichen Leistung des Reporters. Jetzt hier beim Fernsehen bist du der Begleiter der Bilder und liegst oft noch daneben. Beim Radio, da schaffst du etwas. Das ist das Schöne. Und deswegen kann ich mich daran erinnern – Ich weiß, dass der Tivoli ausverkauft war. Schalke gegen Aachen. Es war eine riesige Stimmung, aber kein ganz so tolles Spiel. Aber trotzdem kann ich mich daran erinnern, dass das sehr intensiv war. Wenn man spürt, dass es so echt ist. Fußball ist ja auch Leben. Das ist wie ein Shakespeare-Theater.

Und wenn es ein gutes Spiel ist, dort etwas passiert, kann man das durchaus vergleichen mit den Protagonisten, mit den Darstellern. Was ich sonst so übertragen habe? Ich habe beispielsweise auch das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko zwischen Deutschland und Argentinien übertragen. Wir haben damals 3-2 verloren und Toni Schumacher hat mehrfach daneben gegriffen … war auch ein tolles Spiel. Nicht wegen des Spiels, sondern dieses „Da komme ich hin“. Da hätte ich ja nie dran zu glauben gewagt, als ich 17/18 war, dass ich so etwas mal erleben kann. Und dann sitzt du im Stadion, im Aztekenstadion – 120.000 Leute, 35 Grad Hitze, Argentinien mit Maradona … und Deutschland im Endspiel und du darfst das kommentieren … das ist schon ein Geschenk. Also wirklich, das ist eines der ganz besonderen Spiele gewesen.

Aber ich habe auch, um auch die negative Seite gleich wieder ins Spiel zu bringen, das Spiel zwischen Juventus Turin und Liverpool, als im Heysel-Stadion 40 Menschen ums Leben gekommen sind, kommentiert. Das habe ich auch gemacht … Das war ein trauriger Moment, der auch meine Einstellung zum Fußball noch mal komplett verändert hat. Seit diesem Tag denke ich anders über Fußball. Wenn ich in ein Fußballstadion gehe, gucke ich sehr genau, wo ich mich hinstelle und wer neben mir ist. Darauf achte ich seit diesem Tag peinlichst genau, weil – wenn du in einer Kurve stehst und dich auf einmal umguckst und da liegen 39 tote Menschen um dich herum … von diesem Tag an wirst du dein Leben ein bisschen anders sehen.

Sportfreunde: Da sind einem die Bilder gleich wieder präsent …

Potofski: Es war damals so, dass das ZDF das Spiel nicht live übertragen hat, sondern die haben gesagt „Wir gehen jetzt raus.“ Das wissen ja wenige Leute – RTL hat das damals parallel übertragen – auch live – und unser Chefredakteur hat entschieden „Wir zeigen aber auch das Spiel“. Da habe ich gesagt „Mit mir nicht! Nachdem hier Väter mit ihren Kindern ums Leben gekommen sind, setze ich mich hier jetzt nicht hin und sage, was für ein toller Fußballer X, Y oder Z ist. Das tue ich nicht.“ Dafür ist Fußball verdammt noch mal zu unwichtig. Deswegen habe ich letztlich während des Spiels über Fußball kein Wort mehr verloren, sondern nur noch über die Dinge informiert, die da die Katastrophe ausgelöst haben. Das war ein bitterer Moment. Gut – auch auf der anderen Seite prägt dich das und bringt auch dein Verhältnis zum Fußball und zu den Menschen auf einen anderen Stand.

Sportfreunde: Vielen Dank in jedem Fall für diese offenen Worte! Machen wir hier mal einen Schnitt. Wir wissen, dass Sie im Anschluss noch ein Interview mit Roger Schmidt, dem Trainer von Paderborn, führen müssen. Vielen lieben Dank, Herr Potofski.

Steffen

Über Steffen

Steffen ist Gründungsmitglied und "Chefredakteur" der Sportfreunde. Er bringt die Dinge auf den Punkt - mit schwarz-gelber Brille.
Dieser Beitrag wurde unter 2011/2012, Alemannia Aachen, Allgemein, Interview, Sportfreunde News abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.