Tausend Mal berührt

Und wieder mal ist nichts passiert. Das Pech bleibt Aachen treu und ein leistungsgerechtes Unentschieden gegen den kriselnden MSV verhindert den wichtigen Sprung in der Tabelle.

Rekordverdächtig sind die Spiele der Alemannia in dieser Saison keineswegs – höchstens im negativen Sinn. Da tut es gut, mal wieder ein wenig Anerkennung der Fußballwelt einzustreichen, auch wenn eigentlich nur eine Zahl auf Papier daran schuld ist: Eintausend!

1974 trat Alemannia Aachen erstmals in der zweiten Bundesliga an, damals übrigens noch in Nord- und Südstaffel geteilt. Gleich das erste Spiel sorgte für Schlagzeilen – denn es fand gar nicht statt! Der spätere Meister Hannover 96 hatte wohl derart die Hosen voll, dass sie nicht gegen die Aachener antreten wollten. Die halbe Mannschaft litt unter einem Magen-Darm-Virus, die Partie wurde verlegt. So war das erste richtige Match in der neuen Liga für Alemannia ein Heimspiel – 1:1 gegen Fortuna Köln.

So ein Ergebnis würde heute weder Aachen noch Duisburg helfen – die Dauerbrenner in Liga Zwei brauchen beide 3 Punkte, wenn sie auch nächste Saison die Statistik weiter ausbauen wollen. Vor dem Anstoß bot sich ein tolles Bild – beeindruckende Choreo der Fankurve und ein fast ausverkaufter Tivoli. Das war der schönen Idee des Alemannia-Marketing geschuldet, „Preise wie damals“ zu verlangen.

Zum Glück aber muss ich nicht auf Technik von damals zurückgreifen. Denn obwohl Werders Torwartlegende Oliver Reck auf der Duisburger Trainerbank Platz nimmt, gibt es im Bremen für eine Exil-Printe wie mich keine Bar, die das Spiel übertragen will. Dank dieses sogenannten Internets, von dem alle Welt spricht, bekomme ich trotzdem Bilder aus der Heimat auf den Schirm.

Und die sind zunächst nicht wirklich schön – die Aachener wirken nervös. Die Riesenkulisse kennen die jungen Spieler wohl nur vom Hören-Sagen. Duisburg beginnt druckvoll und in der zweiten Minute sorgt Boy Waterman dafür, dass Todor Kolev vorerst der letzte Bulgare bleibt, der am Tivoli traf – und eben nicht Domovchiyski vom MSV.

Das ungute Bauchgefühl löst sich aber schon in der fünften Minute: Eckball von rechts, ein Fall für Achenbach. Der schlägt das Leder auf den langen Pfosten, Duisburgs Keeper Fromlowitz kommt nicht ran. Wohl aber Aachens Nummer 29 – Radu sorgt für Radau, 1:0 nach seinem Kopfball aus spitzem Winkel!

Sofort brennt die Sicherung im Fan-Hirn durch: „Geiler Start, jetzt geht’s los, Zebras schlachten! Wer macht überhaupt ein Fluchttier zu seinem Maskottchen!??“ Gut, Kartoffelkäfer sind auch nicht wirklich furchteinflößend, können aber wenigstens ganze Ernten vernichten. Tatsächlich wird nach dem Tor gehungert, und zwar beim eigenen Anhang. Denn wer dachte, Alemannia würde aufdrehen, wird enttäuscht.

Trotz der Aachener Führung spielt danach fast nur noch Duisburg, nur fehlt es zum Glück an Durchschlagskraft. Unter anderem scheitert Domovchiyski in der 15. Minute am gut aufgestellten Waterman. Aachen setzt nur noch Nadelstiche, hat aber auch Pech. Nach einem Einwurf will Benjamin Kern vor Radu im Strafraum klären und räumt den Rumänen dabei ab (17.) – Schiri Peter Sippel hat angesichts dieser grobmotorischen Aktion wohl Mitleid mit dem Duisburger und pfeift nicht – Fehlentscheidung!

Dann nochmals Waterman in Aktion – Brosinki packt an der Strafraumgrenze den Hammer aus, doch Aachens Keeper boxt die Kugel weg und pariert auch Brosinkis zweiten Knaller, nachdem vor ihm kein Alemanne an den freien Ball kommt.

Fünf Minuten später ist Waterman aber machtlos – einen hohen Ball auf Domovchiyski köpft Olajengbesi nur halbherzig weg und dem Duisburger in die Füße. Der Bulgare sagt „Danke“ und trifft im dritten Anlauf zum Ausgleich. (29.)

Danach weiter der MSV – erst ist Brosinski wohl so überrascht, nicht im Abseits zu stehen, dass er mit der Kugel am Fuß zwar auf Waterman zu-, aber auch über die Torauslinie rennt. Kurz darauf kratzt Wolze mit einen strammen Schuss den Lack von der Latte. Erst in der 41. Minute nochmal Gefahr in Gelb – Falkenberg geht mit nach vorn, packt sich ein Herz und zieht aus über zwanzig Metern ab, verfehlt das Tor aber leider knapp; die letzte wirkliche Aktion vor dem Pausentee.

Ob Friedhelm Funkel in der Kabine die richten Worte findet, ist fraglich. Denn auch in der zweiten Hälfte überlassen die Aachener den Gästen das Spiel und sind eigentlich nur nach Standards gefährlich. Zweimal hintereinander kommen Eckbälle von Achenbach vor Fromlowitz‘ Kasten, der beide Male nicht richtig weiß, wo er hin soll, sich aber auf seine Kollegen in der Abwehr verlassen kann.

Duisburg kommt spielerisch besser zurecht, aber die Präzision fehlt. Erst vereitelt Olajengbesi das finale Anspiel auf den bestens positionierten Hoffmann (58.), dann rutscht Domovchiyski an einer eigentlich perfekten Hereingabe von Wolze vorbei. (62.)

Nach dieser Aktion ist Funkel zum Handeln gezwungen. Er bringt Stiepermann für den eingeschlafenen Radu und Junglas für Yabo, der nach einem Zusammenprall Minuten zuvor nicht mehr rund läuft. Besonders Manuel Junglas findet gut ins Spiel und hat nach einer Ablage von Auer die große Chance zur Führung, doch Fromlowitz hält den strammen Drehschuss von der Strafraumgrenze.

Gerade, als die Alemannia wieder Druck macht, passiert es – Kevin Wolze flankt mustergültig an den langen Pfosten, wo Andre Hoffmann diesmal seinen Bewachern entwischt und den MSV in Front köpft (67.). Die schwarz-gelbe Schockwelle ist noch bis nach Bremen zu spüren. Die Frustreaktion, auszuschalten, kann ich nur mit Mühe unterdrücken.

Zum Glück, denn keine 80 Sekunden später liegt die Kugel im Duisburger Tor! Wie das? Die Wut im Bauch verleiht Benny Auer Flügel, der einen Sensationspass von Junglas erlaufen kann. Nur noch Fromlowitz vor sich. Schuss. Gehalten! Aber Verteidiger Bajic ist so eng bei Auer, dass er den gerade parierten Ball mit der Brust unfreiwillig an seinem Torwart vorbei schiebt. 2:2! Na also, Attacke!

Jetzt ist wieder alles drin und beide Teams wollen den Dreier. Hüben wie drüben wird das Mittelfeld für aufgelöst erklärt und das Spiel ähnelt einem Tennismatch. Nur kann ab jetzt keiner mehr richtige Gefahr ausstrahlen, die Energie verpufft. Einzig der engagierte Junglas hat noch eine Chance: Ein langer Ball von Odonkor segelt durch den Strafraum, den sich Stiepermann so gerade noch erlaufen kann und auf Junglas ablegt. Dessen Schuss wird in höchster Not geblockt. (81.)

„Höchste Not“ – der Begriff dieser Tage. Es bleibt bei der zwar gerechten Punkteteilung, doch mittlerweile ist jedes Remis eine gefühlte Niederlage. Bringt der Weihnachtsmann nicht wenigstens neun Punkte, gibt es nach Silvester deutlich mehr als nur Katerstimmung. Und bis zum 2000. Spiel in Liga Zwei wäre der Weg noch wesentlich weiter.

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