Prinzip Hoffnung

Die englische Woche liegt hinter der Alemannia. Und ähnlich wie das Londoner Wetter ist auch die Lage: Mehr als ungemütlich. Jetzt warten alle auf den letzten Funken Licht am Horizont.

Das Positive vorne weg – die Situation hat sich nicht verschlechtert. Aber eben auch nicht verbessert. Als die Konkurrenz siegt, zieht Aachen mit. Als Alemannia Federn lässt, patzen auch die anderen. Eine Konstellation, die mitten in der Saison weniger problematisch erscheinen würde. Doch drei Spieltage vor Schluss und mit der roten Laterne in der Hand wird der Glaube an einen Verbleib in Liga Zwo auf immer härtere Prüfungen gestellt.

Aussemgewöhnlich

Eine Portion Hoffnung versprühte der Auftritt zu Hause gegen den überraschten VfL Bochum. Der vielfach eingeforderte Kampfgeist war endlich deutlich zu spüren und zu sehen. Ralf Aussem fand ein gutes Rezept, um Dampf zu machen: Stiepermann, Hadouir, Odonkor, Streit, Uludag – alle zusammen bildeten eine lang vermisste Offensivkraft, die auch mal zum Zuschlagen in der Lage war.

Gleich zu Beginn des Spiels wäre der Schuss aber fast schnell nach hinten losgegangen. Erst suchte Sinkiewicz Streit im Mittelfeld – und fand ihn auch. Aachens Nummer 13 langte einmal kräftig zu, was Empörung im Gästeblock und eine entsprechend laute Antwort der schwarz-gelben Fans zur Folge hatte. In dieser ersten Aufregung hatte niemand den Japaner Inui auf dem Zettel, der plötzlich frei vor Waterman auftauchte, aber glücklicher Weise zu hastig und dadurch zu hoch abschloss.

Nach einer Viertelstunde taute die Alemannia richtig auf – vor allem dank zweier Freistöße von Aimen Demai, die beide fast zu Toren führten. Der erste ging noch an die Querlatte, der zweite knallte so ans Gebälk, dass er Feisthammel vor die Füße fiel. Der konnte trotz kürzester Distanz aber nicht einschieben, da Bochums Keeper Luthe und irgendwie auch Verteidiger Maltritz das Ding noch von der Linie kratzen konnten.

Alle, die es mit Schwarz und Gelb hielten, fassten sich noch minutenlang ungläubig an den Kopf. Die Arme durften dann aber gleich zum Jubeln oben bleiben. Uludag spielte einen wunderschönen Ball in die Spitze auf Odonkor. Der wechselte im Strafraum schnell noch auf den starken Fuß und zirkelte das Leder traumhaft in den rechten Knick – Tollhaus Tivoli!

Die Führung war absolut verdient, von Bochum kam nicht viel – außer lauter Nickligkeiten. Philipp Bönig holte sich nach einer ganzen Welle harter Zweikämpfe dann den ersten gelben Karton ab. Noch mehr Frust auf Seiten der Bochumer stellte sich dann fünf Minuten vor der Pause ein: Odonkor kam diesmal über die rechte Seite, schüttelte seine Verfolger ab und suchte den beherzt rackernden Stiepermann in der Mitte. Das wussten die Bochumer so gerade zwar noch zu verhindern, aber der freie Ball war ein willkommenes Geschenk für Albert Streit, der wuchtig zum zweiten Aachener Tor einschoss – für den Bundesliga-Routinier der erste Treffer seit fast fünf Jahren!

Mit dem hochverdienten 2:0 ging es dann in Pause. Zurück auf dem Platz machten die Aachener da weiter, wo sie vorher aufgehört hatten. Odonkor zischte mal wieder über rechts in Flankenposition, Bochums Bönig sah da nur die Rücklichter – und kurz darauf die Ampelkarte. Mit Gelb war er nach seinem Einsteigen von hinten noch gut bedient. Dank seiner bereits erhaltenen gelben Karte in Durchgang 1 konnte Bönig schon mal seine Sachen packen.

Mit einem Mann mehr auf dem Platz nahm die Aachener Dominanz paradoxer Weise allerdings ab. Dennoch reichte es, die Führung ins Ziel zu retten, da von Bochum kaum Gefahr ausging. Der Sieg hätte sogar noch höher ausfallen können, wenn Stiepermanns Freistoß nach knapp einer Stunde nicht ebenso ans Gestänge gegangen wäre, wie schon Demais in der ersten Hälfte.

Unter dem Strich stand ein wunderbarer Erfolg vor eigenem Publikum, erzielt von einer aggressiv und überlegt auftretenden Elf, die keinesfalls wie ein Absteiger spielte. Getrübt wurde die Freude aber von den Blicken auf Zwischenergebnisse aus Karlsruhe – dem KSC gelang ebenfalls ein 2:0; Rostock hatte schon tags zuvor in allerletzter Minute einen 1:0-Sieg errungen. So blieb die erhoffte Befreiung im Tabellenkeller aus.

Kalt erwischt

Mit gehörigem Rückenwind aus dem Sieg gegen Bochum ging es nur wenige Tage später nach Duisburg, im Schlepptau etwa 2500 Fans aus Aachen. Ralf Aussem setzte auf die siegreiche Elf vom Spieltag zuvor, überraschte aber auf der vakanten Position von Alper Uludag, der gelbgesperrt pausieren musste. Stattdessen lief die Nummer 35 von Beginn an auf. Selbst einige schwarz-gelbe Experten mussten zweimal hinschauen, um zu wissen, dass es sich um Sascha Marquet aus der zweiten Mannschaft handelte – mutiger Entschluss von Aussem.

Ohnehin stellte sich wieder einmal die Frage, was Vorgänger Funkel vorher aus dem Kader gemacht hatte. Sportfreunde-Spezi Ulli Potofski, der wieder einmal die Partie im TV kommentierte, sprach Sätze wie: „Ja, die Aachener haben ja viele schnelle Leute!“ Wo waren die bitte all die Monate vorher?

Trotzdem ging das Jung-und-wild-Konzept nicht wirklich auf. Duisburg drängte die Aachener oft in die Defensive, jedoch ohne selbst vollstrecken zu können. Die erste Hälfte war alles andere als ein Hochgenuss der Fußballkunst. Hier und da ein Schuss auf beide Tore, mal ein wenig Gewimmel bei einer Ecke – das war alles. Bis, ja, bis zur 44. Minute: Der agile Brosinski konnte sich im Strafraum nicht entscheiden, ob er passen oder schießen soll. Heraus kam ein Kullerball, den Feisthammel aber im Anflug geistiger Umnachtung vor dem aufnahmebereiten Waterman ins Toraus klären wollte, ohne das Leder wirklich kontrollieren zu können. Ergebnis: Ball im Tor, blau-weißer Jubel. Aber nur kurz: Alemannia durfte sich bei Schiri Wolfgang Stark bedanken, der die Situation als Passversuch auf den deutlich im Abseits stehenden Gjasula wertete, obwohl er nicht wirklich in Aktion trat.

So ging es torlos in die Halbzeit. Nach dem Wechsel wurde die Begegnung endlich interessanter. Erst ermöglichte Olajengbesi mit einem Patzer Jürgen Gjasula eine Schussmöglichkeit aus 20 Metern, die Waterman entschärfte. Dann ein absolutes Geschenk erster Güteklasse mit großer Schleife: Duisburgs Öztürk spielte, leicht bedrängt, eine katastrophale Rückgabe, die zu einem perfekten Steilpass für David Odonkor wurde, der frei zum Tor marschieren konnte. Statt sein Tempo aber gegen MSV-Keeper Wiedwald auszuspielen und den Ball an ihm vorbeizulegen, schoss der Aachener dem Torwart an die Schulter. Entsetzen bei den Aachener Fans, doch da kam ja noch Stiepermann – nur war der ebenfalls nicht in der Lage, den Ball im freien Tor unterzubringen.

Einzig positive Erkenntnis – mit der Alemannia war noch zu rechnen. Nicht aber mit Boy Waterman: Er musste mit einer Knieverletzung den Platz verlassen, dafür rückte Tim Krumpen nach. Dieser Schock wäre umso mehr verflogen, hätte David Odonkor eine Viertelstunde vor Schluss endlich sein Tor gemacht – einen tollen Pass in die Spitze konnte sich der rasante Rechtsaußen erlaufen, brachte die Kugel aber schon wieder nicht an Felix Wiedwald vorbei.

Gerade, als sich die Schwarz-Gelben noch über die erneute verpasste Führung ärgerten, wurde es noch schlimmer: Exslager nutzte die Unordnung auf der linken Aachener Seite und spazierte durch die sogenannte Abwehr – die anschließende Ablage wusste Brosinski zu verwerten. Aachen warf nun alles nach vorne, auch Benny Auer durfte noch mitmischen. Statt des Ausgleichs gab es sieben Minuten vor dem Ende ein genaues Abbild des ersten Treffers – diesmal durfte sich Gjasula bei Vorbereiter Exslager bedanken.

0:2 endete aus Aachener Sicht der bittere Ausflug nach Duisburg. Nach den erfrischend offensiven Auftritten in Ingolstadt und gegen den VfL Bochum zeigten sich hier wieder alte Muster: Über lange Strecken kaum Aktionen nach vorne, eine Chancenverwertung, die den Namen nicht verdient und naive Abwehrfehler, die prompt zu Gegentoren führen.

In dieser Form wird der letzte Tabellenplatz nicht so schnell den Besitzer wechseln. Die Hoffnung stirbt jedoch zuletzt – und die Konkurrenz hält ihr das Händchen auf dem Sterbebett. Rostocks 0:5-Klatsche war schon vor dem Duisburg-Spiel bekannt. Dass der KSC tags darauf gegen Ingolstadt keine Punkte holen konnte, sorgte tief im Westen immerhin für Durchatmen.

Um aber am Ende doch noch wenigstens die Chance auf die Relegation zu erhalten, müssen fast schon volle 9 Punkte aus den letzten drei Spielen eingefahren werden. Das Potential ist vorhanden, aber es muss auch abgerufen werden.

Nur passt es da wenig ins Konzept, als nächstes die Eintracht aus Frankfurt empfangen zu müssen, die ihrerseits mit einem Sieg den Aufstieg fix machen kann. Aber es hat ja niemand behauptet, dass es einfach werden würde …

Dieser Beitrag wurde unter 2. Liga, 2011/2012, Alemannia Aachen, Tivoli abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.