Limitierte Jungs und ein Déjà-vu

Eintracht Frankfurt gegen Alemannia Aachen 2011/2012Wie fängt man einen Bericht zu einem Spiel an, dessen Drehbuch der Fußballgott dramatischer wohl nicht hätte verfassen können? Wie beschreibt man drei auswärtsgeschossene Tore, wo kaum Moral, Wille und Einstellung zu sehen waren? Selbst chronologisch fällt die Nachbetrachtung schwer, aber auf diesem Wege versuche ich es einmal.

Zum „Heimspiel“ gegen die Eintracht war außer mir leider keiner der Sportfreunde im Waldstadion, aber es tat gut, viele bekannte und vertraute Menschen zu treffen. Ich würde ja lügen, wenn ich das nicht hier vermissen würde. Die knapp 35 Kilometer waren schnell gefahren und was hatte man auch schon zu verlieren gegen den Tabellenzweiten?

Bis zum Anpfiff war ich sogar guter Dinge. Ich verstehe zwar bis heute nicht, warum Sibum und Yabo unter Funkel eine Stamplatzgarantie haben, aber sei es drum, die beiden standen auf dem Feld. Kaum hatte das Spiel begonnen, lag der Ball auch schon nach drei Minuten im eigenen Netz. Glücklicherweise zählte Olajenbesis Eigentor wegen eines Foulspiels von Idrissou nicht. Wenige Augenblicke später setzte es aber dann auch bei Boy Watermann aus und der vermeintliche Abschlag sprang vom Fuß und Idrissou schob zum 1-0 ein.

Die Alemannia kam nicht aus der eigenen Hälfte. Die Hausherren schoben sich den Ball in aller Seelenruhe gegenseitig zu, so dass selbst das heimische Publikum schon entnervt anfing zu pfeifen. Allerdings glich die Abwehr der Alemannia mal wieder einem Hühnerhaufen. Köhler hatte mit dem 2-0 in der 12. Minute kein Problem und vor allem keine Gegenwehr. Jedem Öcher wurde schmerzlich bewusst, dass Funkel absolut Recht mit seiner Aussage unter der Woche hat, die Alemannia habe viele limitierte Spieler. Unzählige Fehlpässe und gefühlte 0% Aufenthalt in des Gegners Hälfte machten dies sehr deutlich. Höhepunkt: der erste Torschuss durch Yabo für die Alemannia in der 45. Spielminute….

Eintracht Frankfurt gegen Alemannia Aachen 2011/2012Das war eine ganz grausame erste Halbzeit. Ich für meinen Teil glaubte nicht mehr an diese Mannschaft. Da war kein Wille, keine Leidenschaft und kein Aufbäumen zu erkennen. Eine Körperhaltung die schon ausstrahlte „Wir wollen nicht.“ Ab und an mal ein etwas robusterer Einstieg, aber alles zu brav und zu harmlos. Peter Hyballa mag ein ignoranter Trainer gewesen sein, aber mehr und mehr wird einfach deutlich: Diese Truppe hat keinen Charakter.

In der Halbzeit kollektives Kopfschütteln. „Normalerweise müsste man jetzt geschlossen den Block verlassen und diese Arschgeigen boykottieren!“ war ein oft gehörter Satz und auch meinem Arbeitskollegen, er ist Fan der Eintracht, gratulierte ich in der Halbzeit schon mal per SMS zum gewonnenen Essen. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und betete nur „Leave Jott, bloß nicht zweistellig!“.

Alleine die Auswechslung Sibums brachte dann schon mehr Offensivaktionen. Der als „van Bommels-Pendant“ angekündigte Niederländer ist für mich die größte Fehlverpflichtung Meijers. Bis jetzt frage ich mich, wie Eindrücke so trügen können. Stehle musste ebenfalls draußen bleiben und mit Radjabali-Fardi und Radu wurde es nach dem Wiederanpfiff etwas besser. Glücklicherweise nutzen Hoffer und Meier ihre dicken Chansen in Minute 48., 49. und 50. nicht. 38.500 Zuschauer warteten auf den Todesstoß der Eintracht.

Und als dann Auer plötzlich in der 78. Minute aus dem Nichts den Anschlusstreffer markierte, hatte ich ein Déjà-vu. Ich erinnerte mich an meinen letzten Besuch im Herbst 2009. DFB-Pokal und Michael Krügers erstes Spiel als Coach der Alemannia. Man verlor seinerzeit 6-4 in einer sehr kuriosen Partie.

Eintracht Frankfurt gegen Alemannia Aachen 2011/2012Ich weiß nicht warum und wieso, aber aus dem Nichts hatte dieser Auer plötzlich nach toller Flanke von Feisthammel den Ball mit der Hacke ins Tor trudeln lassen. Aber kaum war der Jubel verhallt, erzielte Hoffer mit einem sehenswerten Schuss das 3-1. Statt sich nun der starken und souverän agierenden Eintracht wieder hinzugeben, gelang Radu nach einem tollen Konter das 3-2 und wenig später flutschte Demais Freistoß Nikolov durch die Finger zum 3-3! Unverdienter aber genialer Wahnsinn! Da rechnest Du mit allem, aber niemals, dass man in der 87. Minute noch das 3-3 erzielt.

Ja, so ist das! „Am Ende kackt die Ente“ , „Der Drops ist noch nicht gelutscht“ – hätte mir das jemand in der Halbzeit gesagt, ich hätte ihn ausgelacht. Und dann der Ausgleich. Unverdient, unerwartet aber so ist das im Fußball. Und so unglaublich genial dieses Gefühl auch war, es hatte keine zwei Minuten bestand.

Ja, eine limitierte Truppe schießt in 45. Minuten einmal auf das gegnerische Tor, macht dann doch irgendwie gegen eine überlegende Mannschaft – mit den wenigsten Gegentoren der Liga – satte drei Tore (aus insgesamt 6 Torschüssen) und das in des Gegners Stadion und lässt sich am Ende noch die Butter vom Brot nehmen. Und ausgerechnet ein Ex-Bauer macht den entscheidenden 4-3-Siegtreffer in der 89. Minute. Was ein Fußballkrimi!

Mal ehrlich: Es ist schon grausam genug, dass es sportlich und finanziell derzeit an jeder Perspektive mangelt, aber dann solch ein Script. Der Fußballgott ist dieser Tage sicher kein Öcher, aber er meint es auch kein bisschen gut mit uns. Dennoch: Die von Reiner Calmund ausgelobte Dämlichkeitsplakette mit Brillianten hätten heute alle Spieler verdient gehabt. Verkauft als „limitierte Edition“ ein perfekter Aufhänger zum Weihnachtlichen Verkaufsprospekt. Man ist seines (Un)Glückes Schmied und war nicht in der Lage, ein Ergebnis 5. Minuten zu halten.

Aber, und das sagte ich in der Halbzeit bereits, ich sehe die Dinge positiv: Ich hatte nur 35 Kilometer nach dem Spiel bis nach Hause.

Über Friedrich

Friedrich ist eines der Gründungsmitglieder der Sportfreunde Kaiserstadt. 2013/2014 war er zudem im Vorstand der FAN-IG aktiv.
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