Die Kreditwürdigkeit bröckelt

Langsam aber sicher ist das Maß voll. Was uns Anhängern am letzten Sonntag auf dem Tivoli geboten wurde, hat deutliche Spuren hinterlassen. Ich möchte die Ereignisse auf dem Rasen und im Umfeld nutzen, um ein paar Worte zu den verschiedenen Hauptakteuren zu verlieren. So kann es in jedem Fall nicht weitergehen.

Wer an dieser Stelle einen gewöhnlichen Bericht zum vergangenen Heimspiel gegen den VfL Bochum erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Drei deftige Niederlagen aus den letzten drei Spielen bei 2-10 Toren, dazu die endgültige Gewissheit, dass der Verein ohne gewisse Zusatzeinnahmen aus dem DFB-Pokal am Rande des Ruins stand und ein Fanumfeld, in dem es nach langer Zeit mal wieder untereinander geknallt hat. So kann es einfach nicht weitergehen. Vor allem geht mir ein Satz unseres Mitglieds Markus nicht aus dem Kopf. Er meinte, die diesjährige Saison erinnere ihn stark an die Abstiegssaison in der Bundesliga. Anfangs überzeugte mich der Vergleich nicht. Bei genauerer Betrachtung könnte man aber schon gewisse Parallelen erkennen. In jedem Fall möchte ich im Folgenden mal auf die einzelnen Handlungsträger eingehen.

Die Mannschaft

Die Mannschaft der Alemannia, wie sie sich momentan präsentiert, hat nahezu jeglichen Kredit verspielt, den sie sich über die gesamte Saison aufgebaut hat. Gehen wir von hinten durch die Reihen, so führt erstmal kein Weg an David Hohs vorbei. Über die ganze Saison habe ich zu ihm gehalten und eine Lanze für ihn gebrochen. Das  Gegentor zum 0-1 war allerdings erschreckend. Den Ball von Azaouagh muss er einfach haben – ohne Wenn und Aber. Hohs muss einfach konstanter werden, wieder absolute Sicherheit ausstrahlen und an seiner Strafraumbeherrschung arbeiten. Aktuell kann er der Mannschaft keinen Halt geben. Damit wären wir auch schon bei der Abwehr. Obwohl sich seit der Rückkehr von Seyi Olajengbesi eine gewisse Grundsicherheit eingestellt hat, zeigt sich der Verbund ein ums andere Mal anfällig. Was anfangs noch mit einem Zähneknirschen toleriert werden konnte, weil die Torquote der Abteilung Attacke noch stimmte, entwickelt sich langsam aber sicher zum erheblichen Dauerproblem. Außerdem ist der gesamte Verbund besonders im Zentrum zu langsam und deshalb äußerst anfällig. Tobias Feisthammel indes war am Sonntag abermals auf der rechten Abwehrseite verloren und flog zu allem Überfluss auch noch vom Platz. Thomas Stehle und Seyi Olajengbesi sind allerdings auch nicht besser aufgetreten. Teilweise zu langsam und auch bei den Gegentoren nicht gut positioniert, waren sie alles, aber nicht unbeteiligt. Besonders Stehle, der das dritte Gegentor verschuldete, indem er seine Finger nicht von Dedic lassen konnte. Einzig Timo Achenbach ist kein großer Vorwurf zu machen, er schien bemüht ans Werk zu gehen. Das allerdings hilft in Krisenzeiten leider auch nicht weiter.

Und damit wären wir beim aktuellen Sorgenkind, dem Mittelfeld. Leider waren Kevin Kratz, Marco Höger, Shervin Radjabali-Fardi und Tolgay Arslan am Sonntag abermals nicht in der Lage, ein geordnetes Spiel aufzuziehen. Die Bälle wurden zu früh verloren, das defensive Umschalten funktionierte nur schleppend und nach vorne strahlte man kaum Gefahr aus. Vor allem gestalten sich die Lücken aktuell zu groß. So denn mal gekontert oder schnell nach vorne gespielt werden soll, fällt auf, dass der Ball in erster Linie bei Stieber oder Auer landet. Eigentlich sollte man meinen, dass gerade im Mittelfeld eine gute Mischung aus Schnelligkeit, Ballkontrolle und Übersicht auf dem Platz steht, die außerdem noch Robustheit in den Zweikämpfen mit sich bringt. Davon war gestern leider nur wenig zu sehen. Wer weiß, vielleicht ist Arslan gedanklich schon wieder in Hamburg, Höger schon in der Bundesliga und Kratz einfach zufrieden, dass er weitere Jahre bezahlten Fußball in seiner neuen Heimat spielen darf. Denkt man allerdings an die dahinter stehende zweite Garde, beraubt man sich seines Schlafes. Was Manuel Junglas seit dem Pokalspiel gegen den FC Bayern auf dem Platz abliefert, ist einfach unglaublich … schlecht. Machen wir einen Deckel drauf und kümmern uns zu guter letzt noch um den Sturm. Hier fällt dem behutsamen Betrachter auf, dass Benni Auer zwar kontinuierlich seine Törchen macht, dafür jedoch stets auf die Vorbereitung anderer angewiesen ist. Für Einzelaktionen oder dergleichen fehlt ihm mittlerweile die Schnelligkeit und von Antritt vermag mittlerweile niemand mehr zu reden. Dazu wirkt Zoltán Stieber, als sei er, wie Marco Höger, gedanklich bereits in der nächsten Saison. Wer weiß, bei welchem Verein. Seine Schwankungen haben in jedem Fall zugenommen und besonders mit ihm steht und fällt die offensive Durchschlagskraft des Teams. Spielt er unterdurchschnittlich, kann es der Rest kaum kompensieren.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich der Letzte bin, der das Team offen kritisiert, aber mittlerweile ist das Maß einfach voll. Ich möchte keine leeren Worthülsen präsentiert bekommen, um jedes Wochenende erneut enttäuscht zu werden. Ich möchte auch keine Durchhalteparolen oder Alibis hören. Ich hoffe, dass die Mannschaft einfach das abzurufen versucht, was sie kann. Und darin müssten sich eigentlich alle einig sein: Diese Mannschaft kann vieles erreichen, wenn sie den Kopf frei hat und sich rein auf das nächste Spiel konzentriert.

Das Trainergespann:

Zum Trainergespann seien an dieser Stelle auch einige Worte gesagt. Was sich da am Sonntag um Eric van der Luer abgespielt hat, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich es nicht mitbekommen habe. So er sich denn tatsächlich eine Auseinandersetzung mit einem Fan geleistet hat, fände ich das sehr schade. Es würde mich aber trotzdem interessieren, was dort vorgefallen sein könnte. Zu Peter Hyballa fällt mir dieser Tage nicht mehr viel ein. Unbestritten kann man seine Art und Weise fast nur mögen. Frech, aufrichtig, engagiert … und stur wie nur sonst was. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum Tobias Feisthammel gestern wieder hinten rechts verteidigt hat. Da gehören Casper oder Demai hin, aber nicht Tobias Feisthammel. Den darf man gerne als Prellbock in die Mitte stellen, aber außen braucht man Leute, die sich am Offensivspiel gewinnbringend beteiligen. Das kann besagter Innenverteidiger so leider nicht. Ich verstehe es  überdies nicht, wenn mir erzählt wird, die Mannschaft habe ein gutes Spiel gemacht. Das kann man dem Team sicherlich in den 20-25 Minuten vor der Halbzeit nachsagen, aber nicht in der zweiten Halbzeit. Nun gut, die Elfmeter kann er sicher nicht selber verwandeln, aber trotzdem sollte er dem ein oder anderen aus der zweiten Reihe eventuell noch mal eine Chance einräumen. Was Hyballa aber in Zukunft bitte tunlichst unterlassen sollte, ist das Schutzgehabe in Richtung „Wir haben aber so ein junges Team …“. Das Team hat mehr Erfahrung, als man denkt und die Eingewöhnungszeit sollte auch vorbei sein. Die Mannschaft kann Fußball spielen und das weiß der Coach.

Der „Vorstand“:

Hier möchte ich mich ein wenig zurückhalten, da ich längst nicht über so viele Informationen verfüge, wie dies bei anderen Mitgliedern der Sportfreunde Kaiserstadt der Fall ist. Trotzdem sei die Frage erlaubt, wie es sich denn bei deftigem Minus je Heimspiel lebt. Ohne hierüber genaue Daten zu haben, drängt sich der Verdacht auf, dass die Alemannia die wenigsten Heimspiele mit schwarzen Zahlen abschließen kann. Außerdem würde mich die Antwort darauf interessieren, wie man von den 7,1 Millionen € Stadionmiete pro Jahr wegkommt. Überdies wäre es schön, wenn man in puncto Leistungszentrum und Parkhaussituation mal in die Pötte käme. Sehr interessant würde sich sicherlich auch die Frage gestalten, wie genau man dort heutzutage Demokratie versteht. Aber man hat ja die Wahl, wenn eine passende Anzahl Vertreter in das jeweilige Gremium „gewählt“ werden kann. Ich will nicht wissen, wohin der Weg des Vereins unter diesem Geschäftsführer, auf den sich der Hauptteil meiner Skepsis vereint, führen wird. Alleine positiv kann ich nicht in die Zukunft blicken …

Die Fans:

Im einen wohlbekannten Forum war am Montag direkt zu lesen, dass wieder alles im grünen Bereich sei. Im grünen Bereich? Diese Frage stellt sich mir, nachdem sich die gesamte Keilerei direkt vor meinen Augen abgespielt hat. Unmittelbar bei den Stolberger Tivoli Jonge kam es zu massiven Auseinandersetzungen, die mich ernsthaft zweifeln lassen. Sicherlich war auch ich am Sonntag massiv enttäuscht und ernsthaft angefressen, aber wären dort nicht so viele kühle Köpfe gewesen, es hätte heftig gekracht. Hier bleibt nur zu hoffen, dass sich in Zukunft keine weiteren Brandherde entfachen. Genügend Zündstoff ist leider im Umlauf …

Zum Spiel:

Der VfL Bochum gewinnt verdient. Beim ersten Tor profitiert man von einem Stellungsfehler von David Hohs. Das Tor durch Tolgay Arslan zum zwischenzeitlichen Ausgleich schockiert den Gegner nicht, lässt ihn aber zeitweise taumeln. In der zweiten Halbzeit macht die Alemannia dann ein Mal wieder nicht, was sie soll, und kassiert postwendend das nächste Gegentor. Und da Elfmeterschießen etwas ist, das tendenziell eher nicht trainiert wird, muss man seine zwei Einschussmöglichkeiten auch prompt vergeigen. Der VfL Bochum dankt es ironischer Weise dann in Form eines verwandelten Elfmeters. Und so verliert man neben Tobias Feisthammel (gelb-rot) auch das Spiel mit 1-3. Jetzt noch auf den Schiedsrichter einzugehen (Brych – Kartenhengst) oder auf die Gästefans (Pyromanen) … neee, da fehlt mir die Lust.

Es soll mich bitte niemand falsch verstehen, wenn er das hier liest, aber so kann es einfach nicht weitergehen. Ich möchte keine Generalabrechnung veranstalten und auch nicht schwarz malen. Es soll sich einfach jeder dessen bewusst werden, was sich momentan rund um die Alemannia ereignet. Ich bin der Meinung, dass der gesamte Verein an einem Punkt angelangt ist, an dem äußerste Vorsicht geboten sein sollte. Sportlich wie wirtschaftlich im Verein, kollegial und korrekt innerhalb der Fanszene. So wie gestern richtet man sich in jedem Fall selbst zugrunde und das will hier hoffentlich niemand sehen.

Steffen

Über Steffen

Steffen ist Gründungsmitglied und "Chefredakteur" der Sportfreunde. Er bringt die Dinge auf den Punkt - mit schwarz-gelber Brille.
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  • Sisi

    Passend hiezu finde ich auch die Aussage des Präsidenten im Tivoli-Echo zum Bochum-Spiel, der von einer „äußerst kosntruktiven Grundstimmung“ im Verein spricht… wo denn bitte? Vielleicht ist mit konstruktiv auch gemeint, wir geben so wenige Informationen bekannt, dass keiner weiß, was er kritisieren soll… da fehlen mir schon ein bisschen die Worte. Viel erreicht habe der Verein ja auch nach seiner Meinung… Klar, da steht ein neues Stadion, das wirklich nicht jeder Zweitligist in so einer Form aufweisen kann, aber wie das bezahlt wird, ist doch mehr als fragwürdig…

    Zur Mannschaft: Da muss ich Steffen einfach mal beipflichten: Klar, die Mannschaft ist jung, aber wir haben ja nicht den 6. Spieltag, so langsam sollten die unnötigen Fehler mal abgestellt werden.

    Leider kann man auch unser Trainergespann nicht ganz verschonen, von dem ich aber nach wie vor sehr viel halte, für mich war es schon unverständlich, warum Feisthammel überhaupt rechts in der Viererkette spielt, aber als Trainer sollte ich dann schon erkennen, dass der Junge gelb-rot gefährdet ist und einfach seinen Gegenspieler nicht unter Kontrolle hat. Prinzipiell muss doch sagen, dass Hyballa vielleicht etwas zu spät wechselt…

    Ich hoffe, dass die Mannschaft sich noch mal fangen kann, so darf die Saison einfach nicht zu Ende gehen…

  • Steffen

    Dem kann ich nur absolut beipflichten. Der Informationsfluß von oben nach unten ist, gelinde gesagt, suboptimal und so fast schon unerträglich. Ich werde hier keine konkreten Forderungen stellen, aber ein Tapetenwechsel würde einigen Personen dort oben bestimmt ganz gut zu Gesicht stehen …

    Außerdem muss ich auch zugeben, dass ich absoluter Fan des Trainergespanns an sich bin. Langsam aber wird es Zeit, dass ein nächster Schritt vollzogen wird. So denn die Klasse gehalten werden kann, muss man dem Gespann sicherlich noch Zeit geben bis zur nächsten Saison. So man allerdings noch mal dick unten reingespült wird, muss diese Saison noch etwas passieren. 3 Punkte in Osnabrück wären in jedem Fall mal ein wenig Balsam …

  • Bis hierhin 120% Agree with you! Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass wir noch untern reinrutschen. Wie die Mannschaft muss auch das Trainergespann lernen und Fortschritte machen. Es ist an der Zeit, dass sich erste Anzeichen dafür zeigen.

    Der Schritt eines Neuanfangs, auch mit einem neuen jungen Trainer und Team, war vor der Saison angekündigt und (noch) sind wir dafür sehr gut unterwegs. 😉

  • Kanne – Respekt!
    Gut durchformuliert und treffend versenkt!

    Gerade habe ich alle Mails zur Kandidatenvorstellung durch und mir wird übel. Verein? Sportfreunde? Hallo???

    Nicht nur Spieler, auch & immer noch sind „hohe Herren“ mit den Gedanken bei anderen Dingen. Ich bleibe dabei, gegen Ossibrück gibt´s erneut Haue und dann bei der JHV richtig Party. Wer ist eigentlich von den Sportfreunden da? Und wann & wo?

  • Ich werde natürlich bei der JHV sein und hoffe auf Unterstütung unseres Präsidiums (René und Sisi). Wir brauchen echt jeden Mann auf der Mitgliederversammlung. Was gestern Abend dort gesagt wurde war mehr als eine Frechheit. Das Präsidium hat falsche Aussagen, beispielsweise, zum Satzungsantrag gemacht. Ich werde mich jetzt nicht weiter dazu äußern. Dazu bin ich noch zu sehr „geladen“.

  • Da es meine erste JHV seit 1989 ist, mag ich lieber in Begleitung erscheinen ;o)
    Auch eine Möglichkeit sich erneut zu beschnuppern.
    Nur einfach so im Eurogress treffen – erscheint mir waghalsig.
    btw. bevor ich das vergesse =>@Steffen: 17.04. Heimspiel mit Tinchen & FiFiFi!! Ich kauf dann mal 3 Karten für S5, das will ich mir auch nicht entgehen lassen :o)

  • Steffen

    Oh Frank! Was eine feine Sache! 😀

    Da freu ick mir aber ganz dolle, wenn wir Hilfe aus’m Pott bekommen gegen den Verein aus dem Osten! Und natürlich darüber, dass du dann auch endlich am richtigen Fleckchen Erde im Stadion stehst … 😉