Die Chronik eines Leidgeprüften

Es fing doch alles so harmlos an. Bereits im September hatte ich meine Dauerkarte für das heutige Pokalspiel aufgeladen. Die Chance bot sich mir, als ich meinem Kumpel seine Parkhaus-Dauerkarte telefonisch wiederbeschaffte, die ihm leider Gottes abhanden gekommen war. Es stand also fest: Heute werde ich gegen den Tabellenführer aus der Bundesliga natürlich wieder mit von der Partie sein. Weit gefehlt …

Nun muss ich zu Erklärung gestehen, dass ich Student an der hiesigen technischen Hochschule bin. Einem jeden wird jetzt klar sein, dass ich also vor Beginn des momentanen Semesters einen Zeitpunkt für mich beansprucht hatte, von dem ich nicht mal mehr sicher sein konnte, ihn tatsächlich für mich beanspruchen zu können.

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Vor just zwei Wochen erfuhr ich, an einem Seminar teilnehmen zu dürfen, dass ich zur Beendigung meines Hauptsudiums benötige. Und wie es der liebe Gott so vorgesehen hatte, fiel der erste Termin dieses alle zwei Wochen stattfindenden Kurses auf den heutigen Mittwoch … Zeitpunkt: 17-20Uhr. Was sollte ich denn nun machen? Ich war hin- und hergerissen, entschloss mich nach einiger Bedenkzeit jedoch dazu, einem Kumpel meine Dauerkarte zu überlassen. Schon zu diesem Zeitpunkt blutete mein Herz.

Bereits nach dem Duselsieg gegen Ingolstadt war es soweit, meine Dauerkarte hatte erstmalig seit Jahren das eigene Portemonnaie verlassen. Und mein Gemütszustand sollte sich in der Folge nur kurzzeitig bessern. Auf dem Weg nach Bochum stellte sich heraus, dass unser Fahrer, genauso wie ich, Geschichte studiert und ebendiesen Kurs bereits absolviert hat. Er riet mir intensiv davon ab, den Kurs zu besuchen. Ein kleines Türchen im Hinterkopf öffnete sich und ich begann einmal mehr mit wilden Überlegungen, ob ich es doch zum Tivoli schaffen könne. Noch am selben Tag hatte ich nämlich erfahren, dass ich eine ermäßigte Karte für meinen Stammblock haben könne. Sie wurde mir quasi unter die Nase gerieben.

Allerdings blieb ich standhaft, weil ich mir Glauben machen wollte, ich sei ein manierlicher Student. Ob ich diesen Student nun verkörpere oder nicht, das sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Auf jeden Fall entschloss ich gestern endgültig, lieber das Seminar anstelle des Pokalkrachers zu besuchen.

Nun denn, ich hatte also Vorbereitungen zu treffen. Diverse Tickerangebote konnten erfolgreich abgelehnt werden, wenngleich sie natürlich nett gemeint waren. Ich hatte mich natürlich samt Laptop auf den Weg zur Uni gemacht. Und dort liefen von 18.40Uhr an mindestens drei Ticker gleichzeitig. Danke Kicker, Danke Alemannia, Danke Weltfußball. Ich klickte also fortan jede Minute mindestens zweimal auf „aktualisieren“. Dann endlich die Mannschaftsaufstellung. Okay, Casper für Müller, das war zu erwarten. Die Klickrate sollte sich nun drastisch erhöhen, es war immerhin schon 18.58Uhr. Ich konnte es kaum aushalten. Und dann begann das Spiel endlich und unser Dozent ließ langsam aber sicher durchklingen, dass er womöglich früher schließen würde. Hoffnung machte sich breit. Fahre ich jetzt gleich doch noch zum Tivoli? Die Aseag wurde direkt bemüht. Wenn der Professor um 19.25Uhr schließt, könnte ich mich beeilen und die 57 um 19.30Uhr zum Tivoli nehmen. Minuten vergingen, das Spiel schien ausgeglichen. Und dann kam es knüppeldick: Der Dozent schloß tatsächlich um 19.26Uhr und just, als ich den Laptop runterfahren wollte, sah ich noch AUER, AUER, AUER! Das 1-0 war gefallen und mein Entschluss stand fest – ganz flott zum Bus. Aber der Laptop wollte natürlich noch Updates installieren, warum eigentlich gerade jetzt? Flott war der Laptop jedoch in die Tasche geschmissen, ich raus aus dem Institut. Und was muss ich sehen? Vor meinen Augen fährt die 57 vorbei. Das kann doch jetzt nicht wahr sein, dachte ich mir. Ich hatte endgültig mit dem Gedanken gebrochen, doch noch zum Tivoli zu gelangen.

Ich rannte nun also zu Fuß vom Theater nach Hause und glich mittlerweile einem Wrack. Die Alemannia führte tatsächlich und ich lief durch die sichtbar geleerte Stadt., einerseits ein schönes Gefühl, andererseits grausam.

Ich möchte an dieser Stelle nichts vorwegnehmen, aber bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sich einiges getan. Und damit meine ich nicht, dass ich mittlerweile zu Hause bin, vor mir ein warmes Stück Baguette, einen weichen Käse und ein Glas Rotwein vorfinde. Von den wichtigeren Sachen wird euch in naher Zukunft ein befreundeter RTL-Journalist aus unseren Reihen zu berichten wissen.

Ich fiebere dem Spielende entgegen und freue mich, mein komplettes Leid hier mal kundgetan zu haben. Danke fürs Zuhören.

Steffen

Über Steffen

Steffen ist Gründungsmitglied und "Chefredakteur" der Sportfreunde. Er bringt die Dinge auf den Punkt - mit schwarz-gelber Brille.
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  • Sisi

    Ich kann es dir nachfühlen… auch wenn sich der Tivoli heute Abend für mich nicht ein einziges mal in greifbarer Nähe gezeigt hat, da hast du wahrscheinlich noch mehr leiden müssen.

    • Am Sonntag bekommen wir, hoffentlich, ein Heimspiel zugelost gegen einen Gegner, der Zuschauer bringt: Bayern, Schalke, Gladbach, Köln… und dann wirst Du, lieber Steffen auf jeden Fall dabei sein. Und wenn wir dafür die Uni bestreiken müssen!

  • Steffen

    Es wäre wirklich großartig, wenn wir ein Heimspiel gegen einen Großen bekommen könnten! Vielleicht zahlt sich mein gestriges Fehlen dann doch noch irgendwie aus … 😉

  • Andi

    Un‘ ich sach‘ noch: Geh da nicht hin!

    • Steffen

      Ich hätte dir durchaus vertrauen dürfen! 😉

  • Moritz

    Damit eines klar ist! Steffen du hast Tivoli Verbot für Pokal-Heimapiele! 😉 ;-P

    So viel Aberglaube muss sein!!

    • Steffen

      Wir sprechen uns am Sonntag nach der Auslosung! ^^