Der Tag, an dem sich die FIFA endgültig verkauft hat

Ich muss gestehen, dass dieses Thema nicht unbedingt auf die Homepage eines Fanclubs der Alemannia gehört. Was mich jedoch dazu veranlasst, hier nun doch ein paar Worte zu schreiben, ist die stetig wachsende Wut über das, was sich heute abgespielt hat. Die FIFA hat sich tatsächlich für Russland und Katar als Gastgeberländer für die Weltmeisterschaften in den Jahren 2018 und 2022 entschieden. Oder hat sie heute ihren eigentlichen Charakter endgültig offenbart? „For the Good of the Game“?

Mir steht es an dieser Stelle nicht zu, über all das zu richten. Nichtsdestotrotz bleibt mir die Option, hier das kund zu tun, was ich davon halte. Und ohne jetzt großartig mit den anderen Mitgliedern der Sportfreunde Rücksprache gehalten zu haben, bin ich mir sehr sicher, dass der Großteil in dieser Sache zumindest ähnlicher Meinung sein wird. Also: Was wir davon halten.

Der ganze Tag war bereits von diesem Kribbeln bestimmt. Natürlich war Deutschland nicht im Lostopf und auch ein absoluter Favorit für das jeweils auszurichtende Turnier hatte sich noch nicht so recht herauskristallisieren können. Aber dennoch war sie da, diese Spannung. Als sich dann Eurosport ab 15.30Uhr zu einer Berichterstattung hinreißen ließ, wurde aus diesem Gefühl ein kleines Bischen Vorfreude. Von nun an jagten alle Bewerbungsfilme der potenziellen Gastgeber im Minutentakt über den Bildschirm. Als Joseph Blatter dann enorm verspätet den Saal betrat, sich jedoch nicht dazu veranlasst sah, schnellstmöglich die verlorene Zeit aufzuholen, sprachen die Kommentatoren bereits von einer gelben Karte für Spielverzögerung.

Die letzten Statements wurden gesammelt und die Favoriten England und USA abermals hervorgehoben. Und dann kam das, was man sicherlich so nicht erwarten konnte. Sepp Blatter hatte kurz zuvor noch von Gewinnern und Verlierern geschwafelt. Aber dass er nur Minuten später dem Geschwafel Taten folgen lassen würde, war einfach nur ein unfassbarer Akt. Russland hatte die am wenigsten imposante Bewerbung abgegeben und auf einmal wurden sie von Blatter aus dem Umschlag gezaubert. Entsetzen machte sich breit. Sinnbildlich erschien ziemlich zeitnah, wahrscheinlich keine Minute später, das Konterfei von Roman Abramowitsch in einer der ersten Reihen in Zürich auf den Fernsehbildschirmen. Auch er wird sicherlich großen Anteil daran gehabt haben, dass Vladimir Putin mittlerweile auf dem Weg nach Zürich war (um sich zu bedanken) und einige FIFA-Funktionäre heute Abend besser schlafen können.

Aber das mit dem „gut schlafen“ sollte sich spätestens mit der zweiten Vergabe an diesem „schwarzen Donnerstag für den Fußball“ erledigt haben. Mit Katar gewann nämlich der krasseste aller Außenseiter das Rennen um die Weltmeisterschaft. Für die Wettanbieter, insofern sie keine engeren Kontakte zu den verbliebenen 22 Funktionären samt ihres Alpha-Männchens unterhielten, brachen Welten zusammen. Man muss hier nicht viele Worte darüber verlieren, dass wir mit dem Nahen Osten und insbesondere mit Katar einen Veranstalter gefunden haben, wo der Fußball seine Wurzeln hat, die Tradition also mit jedem Atemzug eingesogen wird. Es wird schon toll, bei 50 Grad Außentemperatur Fußball spielen zu müssen. Aber nein, dafür wird es klimatisierte Stadien geben. Bitte was? Und hier wären wir dann beim einzig überzeugenden Faktum, das tatsächlich für Katar gesprochen hat: Die Stadien werden nach der WM wieder abgerissen oder teilmodifiziert. Die nicht mehr verwendeten Teile sollen dann kostenlos an Entwicklungsländer gehen.

So ich denn ein Fazit ziehen müsste, dann bliebe mir nur eines festzuhalten: Der Fußball hat heute einen Teil seiner Seele verloren. Die FIFA hat diesen Teil meistbeitend verschachert und sich dabei weder rational noch emotional leiten lassen. Es bleibt nur zu hoffen, dass 22 Funktionäre (plus Blatter) offiziell zu wenig waren und jemand den Mut beweist, dass schriftlich vorzubringen. Die Sportfreunde würden sicherlich nicht böse sein.

Und hier noch einige interessante Statements:

David Cameron, Großbritanniens Premierminister: „Das ist sehr enttäuschend. Wir hatten von kommerziellen Aspekten her die beste Bewerbung, unser Land ist eine leidenschaftliche Fußball-Nation. Leider hat das nicht gereicht.“

-> man beachte: „kommerzielle Aspekte“

Barack Obama, amerikanischer Präsident: „Ich denke, dies war die falsche Entscheidung.“

-> und wie er damit richtig liegt

Vicente del Bosque, Nationaltrainer Spaniens: „Vielleicht wollten die Mitglieder des Exekutivkomitees dem Fußball neue Welten erschließen und ihn in neue Länder bringen – wirtschaftsstarke Länder, die Geld haben.“

-> auch nicht auf den Kopf gefallen

Joseph S. Blatter, Fifa-Präsident: „Danke an das Exekutivkomitee der Fifa, denn wir gehen in neue Länder. Osteuropa und der Mittlere Osten warten. Ich muss allen Bewerbern ein großes Lob aussprechen für den tollen Job, den sie gemacht haben. Beim Fußball geht es nicht nur ums Gewinnen, es ist auch eine Schule des Lebens, in der man lernen muss, zu verlieren, und das ist nicht einfach.“

-> wird Zeit, dass er mal verliert

Heute gab es leider nur Verlierer. Die FIFA, Katar und Russland werden darauf angestoßen haben. Prost, wenn man es sich leisten kann. „Not for the Good of the Game“ …

Steffen

Über Steffen

Steffen ist Gründungsmitglied und "Chefredakteur" der Sportfreunde. Er bringt die Dinge auf den Punkt - mit schwarz-gelber Brille.
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  • Vollkommen berechtigter Artikel Steffen! Ich habe auch auf meinem Blog (http://www.derfriedri.ch/fifa-wm-2022-in-katar/) einige Worte dazu geschrieben.
    Natürlich handelt es sich hier um eine Webseite eines/unseres Fanclubs, allerdings sind dies so gravierende Entscheidungen, die dort getroffen wurden, dass die dem Fußball wirklich schaden.

    Kommerz und Kommerzialisierung sind die eine Sache, aber was die FIFA nun beschlossen hat, ist wirklich der Verkauf einer Seele und sämtlicher Identifikationen. „We ware about football“, das eigene Statement der FIFA, ist ad absurdum geführt und bestätigt mein mangelndes Vertrauen in den Dachverband umso mehr.

  • Sisi

    Das gehört auf jeden Fall auf unsere Website, wir sind ja nicht nur Fanclub der Alemannia, sondern vor allem Fans des Fussballs, gestern wurde diesem „tollsten“ Sport der Welt ein Stück Seele rausgerissen und für viel Geld verkauft…

    Danke für diesen treffenden Artikel

  • Micha

    Die WM in Russland auszurichten finde ich vollkommen in Ordnung. Außerdem hat die WM schon in Ländern stattgefunden, die über eine wesentlich schlechtere Infrastruktur verfügten und in denen die Schicherheitslage wesentlich dramatischer war.
    Qatar halte ich jedoch ebenfalls für einen Treppenwitz, da sich zum einen sämtliche Fans auf engstem Raum treffen werden, die klimatischen Bedingungen nicht geeignet sein werden, um Fußball zu spielen (es wächst dort noch nicht einmal Rasen) und das Land über keine Fußballkultur verfügt. Leider wird die Weltmeisterschaft mittlerweile rotationsweise auf die Kontinente vergeben. Sonst hätte ich mit Russland 2018 und England 2022 sehr gut leben können.