Der obligatorische Trainingsauftakt

Wer mag sie eigentlich nicht, diese Kiebitze? Sie kennen jeden, wissen alles und geben auch immer gerne ihren Senf zu jedwedem Diskussionsthema – gefragt oder ungefragt. Heute, zum obligatorischen Trainingsauftakt, haben sich mit Fritz und mir zwei Sportfreunde auf den Weg gemacht, das erste Training der Saison 2011/12 etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Getarnt mit Schirm, Charme und Fußballsachverstand hatten wir uns schnell an das Kiebitz-Dasein gewöhnt.

Recht kurzfristig entstand die Idee, auch dieses Jahr wieder das Auftakttraining der Alemannia anschauen zu gehen. Kurzerhand mit Fritz telefoniert waren wir auch schon beide auf dem Weg zum Tivoli. Und dort, wie jedes Jahr, nichts Neues. Nachdem ich bereits gegen 14.30Uhr zugegen war und mir ein Bild vom astreinen Rasen des Trainingsplatzes gemacht hatte, stand das allgemeine Warten auf dem Programm. Nicht nur, dass ich nach wie vor auf Fritz und seinen Vater wartete. Nein, natürlich kam die Mannschaft wieder mal ihre akademische Viertelstunde zu spät auf den Platz. Jetzt konnte sie aber endlich starten, die äußerst interessante „Fleischbeschauung“. Achtung, es könnte dann und wann zu ironischen Einmischungen kommen.

Da waren sie also, die Neuen. Scheinbar angeführt von einem Marco Höger, der offensichtlich noch immer keine Klarheit über seine nahe Zukunft besitzt. Aber wo waren sie denn? Ahhh, natürlich beim obligatorischen Fototermin. Schön posieren und lächeln für die morgige Ausgabe der Aachener Tageszeitungen und das gern gesehene Kleinbildchen im Kicker, das dann und wann verwendet wird, um sich einige Worte über die Spieler sparen zu können.

Die NeuzugängeAuf Anhieb fiel auf, dass der Kader wieder enorm jung aufgestellt sein wird. Haben just heute noch mit Lennart Hartmann (Hertha BSC Berlin) und Mario Erb (Bayern München) zwei 20-jährige Verträge bei der Alemannia unterzeichnet, so blieben einige etwas ältere Mitspieler auf der Strecke. So vermisste man beim ersten Hinschauen beispielsweise Aimen Demai, der eigentlich noch einen gültigen Vertrag bei der Alemannia besitzt. In jedem Fall nicht mehr zu sehen waren Nico Herzig (wechselt zu Wehen Wiesbaden), Thorsten Stuckmann (wechselt wohl nach Griechenland), Thorsten Burkhardt (wechselt ebenfalls zu Wehen Wiesbaden), Zoltán Stieber (wechselt zu Mainz 05), Tolgay Arslan (nach Leihe zurück zum Hamburger SV) und Babacar Gueye (leihweise zwei Jahre beim FSV Frankfurt unterwegs). Weiterhin sind Thomas Zdebel, Markus Daun und Thomas Unger ebenso nicht mehr im Kader. Diesbezüglich scheinen mittlerweile auch Henrik Ojaama, Narciso Lubasa sowie Juhvel Tsoumou durchs Raster gefallen zu sein, während David Hohs, Mirko Casper, Fabian Bäcker, Florian Müller und Tim Krumpen verletzt beim Auftakttraining passen mussten.

Kommen wir aber wieder zum aktuellen Kader. Aufgrund der Abgänge auf der Torwart-Position waren heute gleich alle vier Keeper der letzten Saison verhindert. So rätselten alle Anwesenden, wer die beiden Keeper denn seien. Aber für ein wenig Aufklärungsarbeit ist sich der Kiebitz natürlich niemals zu schade, so auch dieses Mal nicht. Während einer Übung postierte sich einer der beiden Keeper direkt vor uns. Kurzerhand hörte man die Frage: „Wo kommst du denn her?“. Zehn Sekunden Stille zogen ins Land, ehe der robuste Mann ein kurzes „Belgien“ erwiderte. Kurze Zeit später stand dann für Fritz und mich nach Recherchen fest, dass es eigentlich nur Davino Verhulst sein könne, der zuletzt vom KRC Genk an Willem II ausgeliehen war. In jedem Fall machte er eine sehr gute Figur, antizipierte gut, zeigte sich reaktionsschnell und wirkte mehr als nur präzise bei seinen Abschlägen, sei es per Abwurf, Drop-Kick oder konventionellem Abschlag. Da er Genk wohl ablösefrei verlassen könnte, wäre er meines Erachtens ein optimaler Kandidat im Kampf um den Posten der neuen Nummer 1. Der andere etwas schmächtigere Keeper hingegen wirkte weniger robust und sicher. Hier bleibt zu vermuten, dass Hyballa kurzerhand wohl U19-Keeper Denis Kunschke zum Training eingeladen hatte, nachdem David Hohs am Morgen noch den Laktattest absolviert hatte, nun allerdings im Freizeitdress am Spielfeldrand rumlief.

Wollen wir jetzt aber mal einen genauen Blick auf die Neuzugänge werfen. Dafür fangen wir am besten „hinten“ an, und zwar in der Abwehr. Hier wurde schon vor geraumer Zeit mit Jonas Strifler ein wendiger Mann für die rechte Seite geholt. Er wird es aber wahrscheinlich schwer haben, nachdem die Alemannia zu Saisonende mit Kim Falkenberg einen weiteren Mann für die rechte Abwehrseite verpflichten konnte. Auch wenn Falkenberg heute nur eine dosierte Einzeleinheit absolvierte, versprechen wir Sportfreunde uns einiges von ihm. Strifler indes wird wohl um einen Platz in der Startelf zu kämpfen haben. Ein weiterer Transfer-Coup wurde erst heute bekannt. Mit Mario Erb von Bayern München konnte ein zentraler Abwehrmann verpflichtet werden, der um die 30 U-Länderspiele absolviert hat. Seine Veranlagung wurde dann auch gleich beim ersten Training sichtbar. Ohne großartig auf die Abwehrqualitäten eingehen zu können, merkte man ihm eine für einen Abwehrspieler überaus gut ausgeprägte Technik an. Sollte er in Zukunft ins Abwehrzentrum rücken, dann wohl in erster Linie, weil er das Spiel von hinten behutsam und mit klugen Bällen aufbauen kann. Nicht zu vergessen sei an dieser Stelle noch Andreas Korte, der für die kommende Saison einen Profi-Vertrag als „local player“ erhalten hat. Er wird in erster Linie als Backup für Timo Achenbach fungieren, der allerdings als einer von zwei Feldspielern (in der gesamten 2. Liga) in der abgelaufenen Saison alle! Zweitligaspiele von Beginn bis zum guten Schluss auf dem Platz gestanden hat. Ihm ist erstmal nicht zuzutrauen, Achenbach verdrängen zu können.

Noch war der Himmel blau...Damit wären wir auch schon im Mittelfeld-Verband. Hier wurde mit Bas Sibum der erfahrenste Spieler verpflichtet. Er soll zukünftig das Mittelfeld stabilisieren, besonders im defensiven Bereich. Außerdem wird ihm ein Führungscharakter nachgesagt, weshalb er in der Zentrale den Leitwolf geben könnte, der in der letzten Saison nahezu gänzlich vermisste wurde. Offenbar soll aber auch die Drecksarbeit für ihn kein Problem darstellen. Vielleicht hat die Alemannia mit ihm ja sogar einen „kleinen“ van Bommel nach Aachen lotsen können. Ein ebenfalls kantiger und drahtiger Typ ist Kevin Maek, den die Alemannia von Werder Bremen holen konnte. Er ist ebenfalls defensiv im Mittelfeld beheimatet, kann aber wohl auch im zentralen Abwehrverband agieren. Hier wird abzuwarten sein, wie genau er sich im Team etablieren wird. Gleiches gilt seit heute Morgen auch für Lennart Hartmann, der von Hertha BSC Berlin losgeeist werden konnte. Hartmann gilt als großes Talent und soll im offensiven Mittelfeld einen kreativen und abschlussstarken Part übernehmen. Er ist klein, wendig und hat ebenso wie Erb um die 30 U-Länderspiele für Deutschland bestritten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er einen Teil der Lücke, die durch die Abgänge von Arslan und Stieber hinterlassen wurde, füllen kann.

Kommen wir nun zum Sturm. Hier gab es eigentlich keinen großen Bedarf. Einzig der hängende Part musste nach Stiebers Abgang neu besetzt werden. Das scheint in der Tat auch gut kompensiert werden zu können, da die Alemannia mit Marco Stiepermann einen ebenfalls sehr talentierten Mann von Meister Borussia Dortmund loseisen konnte. Etwas schlaksig kommt er zwar daher, scheint aber im Gegenzug blitzschnell antizipieren zu können, um dann entweder den entscheidenden Pass zu spielen oder selbst zu verwerten. Auf seine Entwicklung blicken die Sportfreunde also ganz besonders.

Kommen wir aber noch mal zurück zum eigentlichen Thema, dem Trainingsauftakt. Nachdem also die „Fleischschau“ beendet war, jedem der Spieler sein Urlaubsziel anhand seiner Hautfarbe zugeordnet werden konnte und alle Fragen bezüglich Nummern und Gesichtern geklärt waren, ging es bereits mit den Übungen los. Die Torhüter kochten insgesamt eine Stunde lang ihr eigenes Süppchen mit Hans Spillmann, während Peter Hyballa stets darum bemüht war, seine Kicker fortwährend in Bewegung zu halten. Das natürlich größtenteils mit Ball. Kim Falkenberg machte indes Laufübungen und David Hohs ließ es sich dann auch nicht nehmen, im Freizeitdress auf dem Trainingsplatz zu erscheinen. Eines war jedoch auffällig: Die Stimmung im Trainerteam war glänzend. Sowohl Hyballa als auch Spillmann sowie Eric van der Luer waren überaus guter Laune. Es wirkte fast so, als hätten sie den Urlaub für überflüssig gehalten.

Leider verlief aber nicht alles so glücklich, wie man sich das eigentlich vorgestellt hatte. Zuerst einmal wurde ich selber auf „brutalste“ Art und Weise davon abgehalten, weiterhin konzentriert dem Training folgen zu können. Wie mittlerweile fast schon jährlich zum Auftakt kamen doch tatsächlich wieder Journalisten auf Fritz und mich zu. Nachdem mich Fritz kurzerhand zum Chef-Scout sowie Chef-Redakteur auserchoren hatte, war klar: Ich muss da jetzt wirklich wieder ein Interview geben. Und zu allem Überfluss wollten die mich dabei sogar per Kamera aufnehmen – selber Schuld, sage ich da nur – sie haben es wirklich getan: AZ/AN-Video. Danach konnte es natürlich nur noch bergab gehen. Das Wetter wurde minütlich schlechter und plötzlich stand ich ganz alleine da. Immerhin hatte mir Fritz einen Schirm dagelassen – ohne ihn wäre ich keine 10 Minuten später absolut durchnässt gewesen. Was da nämlich vom Himmel kam, war ein feines Gewitter samt Platzregen. Da Peter Hyballa den Wetterumschwung vollkommen unverständlich für zu gefährlich erachtete, war der Skandal perfekt – das Auftakttraining wurde tatsächlich abgebrochen. Etwas frustriert trat nun auch ich den Heimweg an. Hätten die mich doch bloß nicht interviewt …

Alles in allem war es aber wieder ein netter Auftakt. Die Alemannia war gerade mal drei Wochen weg und ist nun mit vielen neuen Gesichtern und einer neuen Dynamik wieder da. Bleibt abzuwarten, wie nun die anstehende Vorbereitung genutzt werden kann. Wir Sportfreunde freuen uns in jedem Fall auf die Vorbereitung, die Testspiele, den Derby Cup und die anstehende Meisterschaftsrunde. Wer weiß, vielleicht kommt ja mit Borussia Dortmund demnächst auch wieder ein amtierender Meister im DFB-Pokal an den Tivoli. Zu wünschen wäre es uns …

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Steffen

Über Steffen

Steffen ist Gründungsmitglied und "Chefredakteur" der Sportfreunde. Er bringt die Dinge auf den Punkt - mit schwarz-gelber Brille.
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  • Danke für den Bericht! Ist doch nicht völlig totes Sommerloch ;o)

    Und vor dem nächsten Mal, einfach bei mir anrufen, ich komme auch mit (so es denn die Zeit zulässt).