Alemannia pur

Tie-Break der Ladies in Black gegen Vilsbiburg Nachdem Fritz jetzt schon länger ein häufig gesehener Gast in der Sporthalle Neuköllner Straße bei den Heimspielen der Ladies in Black ist, bin ich ihm mittlerweile sehr dankbar, dass er mich das ein oder andere Mal mitgenommen hat. Was wir beide dort in der letzten Woche erleben durften, ist eine Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Als ehemaliger aktiver Volleyballspieler kann ich es ein wenig nachvollziehen, was unsere Mädels da geleistet haben.

Die Zeichen standen auf eine extrem harte englische Woche. Nicht nur, dass sowohl der frischgebackene Sieger des DVV-Pokals und nur eine Woche später der amtierende deutsche Meister ihr Gastspiel in Aachen geben sollten, dazwischen war auch noch ein Auswärtsspiel in Potsdam angesetzt. Wer also auch nur im Entferntesten im Vorfeld von drei Siegen gesprochen hat, dem habe ich eigenhändig Geisteskrankheit bescheinigt. Doch es kommt ja immer öfter anders als man denkt.

Am 26. März trafen Fritz und meine Wenigkeit gegen 18.00 Uhr in der Halle ein. Gegner an diesem Tag: Smart Allianz Volley Stuttgart. Natürlich wurde die Szene wie so häufig in diesen Tagen von Satzungen bestimmt. Trotzdem drehten sich die Gespräche schnell um die Aufstellung der Alemannia, denn neben Jana-Franziska Poll und Sarah Wolnizki mussten die Ladies auch auf ihre Libera Michaela Balej verzichten. Ich staunte nicht schlecht, als Laura Feldmann mit dem weißen Trikot der Libera das Feld betrat. Immerhin ist sie Diagonalspielerin und in meinen Augen eigentlich mindestens zehn Zentimeter zu groß für diese Position. Das hat sie allerdings nicht davon abgehalten, eine tadellose Leistung und eines ihrer besten Saisonspiele abzuliefern. Dazu noch ein fast perfekter Tag von Zuspielerin Lucy Wicks, der dazu führte, dass die Schwäbinnen den Angriffen der Aachenerinnen kaum etwas entgegenzusetzen hatten. So kam es, wie es nun in den Büchern steht. Der erste Satz ging trotz langer Ausgeglichenheit mit 25 zu 20 an die Alemannia. Im zweiten Durchgang schafften die Ladies in Black eine haushohe Überraschung, nach 14 zu 21 – Rückstand und einer leidenschaftlichen Aufholjagd ging auch dieser mit 26 zu 24 denkbar knapp an die Gastgeberinnen. Das erneut fantastische Publikum ließ sich nicht durch das 15 zu 25 im dritten Satz entmutigen und trug ihr Team zum 25 zu 19 im vierten Durchgang und gleichzeitig zum sensationellen Sieg. Unsere Laune war prächtig, so skandierten wir fröhlich: „Ihr habt nur ’nen Kopfbahnhof …“. Als der gegnerische Trainer Jan Lindenmair im Aixtron-Trainertalk dann plötzlich von der internationalen Klasse sprach und dass die Alemannia auf dem Weg in den Europapokal sei, konnten wir uns nicht mehr halten: „Europapokaaaal, Europapokaaaal, Europapokaaal, Europapokaaaaaaaaaaaal“. Ein in Aachen unvergessener Schlachtuf kehrte an ungewohnter Stelle zurück.

Kaum vier Tage später erreichte mich per Facebook die Nachricht, dass das Auswärtsspiel gegen den SC Potsdam im Liveticker zu verfolgen war. Es dauerte nur wenige Sekunden, da war die Seite geladen. Es schien ein echt knappes Spiel zu sein, bei dem die Alemanninnen zweimal nach Sätzen in Führung gingen, die Mannschaft aus Potsdam allerdings auch zweimal ausgleichen konnte. Im fünften Satz schien bei den Aachenerinnen die Luft raus zu sein. Schnell stellte sich ein 5 zu 12 – Rückstand ein und ich rechnete mit dem ersten Verlust eines Tie-Breaks in dieser Saison. Doch auch hier konnte ich wenige Zeit später meinen Augen kaum trauen, als der Rückstand mit und mit zusammen geschmolzen ist und der Satz im Endeffekt mit 16 – 14 gewonnen wurde. Eine grandiose Leistung, die im Volleyball eher selten gesehen wird.

Lucy Wicks - erneut mit starker PartieAn diesem Punkt war das Optimum für die englische Woche in meinen Augen bereits erreicht. Doch dann kam der Abend des 03. April 2011. Nach dem zu großen Teilen schön anzusehenden 2 zu 1 – Erfolg der Fußball-Profis auf dem Tivoli machten sich insgesamt 1052 Menschen auf den Weg in die Neuköllner Straße, um für den amtierenden deutschen Meister, die Roten Raben aus Vilsbiburg, einen Hexenkessel zu bereiten. Was das mit Abstand beste Publikum der Welt, um in den Worten des Hallensprechers und A(ni)mateurs André Schnitker zu sprechen, an diesem Abend zauberte, war viel mehr als ein Hexenkessel. Nicht zuletzt der Schiedsrichter hat mit seinen dubiosen Entscheidungen in den ersten beiden Sätzen, die die Alemannia beide verlor, dafür gesorgt, dass ein gellendes Pfeifkonzert minutenlang in unser aller Ohren klingelte. Zum Glück hat sich das Publikum schnell wieder auf seine Stärke besonnen und den Mädels, die nach langer Zeit wieder ohne Ausfälle angetreten waren, den nötigen „wind from the back“ verschafft. Abgesehen vom dritten Satz, der deutlich an Aachen ging, begegnete der ausgewiesene Underdog aus Aachen in allen anderen Sätzen – zumindest vom Punktestand gesehen – den bayrischen Gegnerinnen stets auf Augenhöhe. Auch im vierten Satz wechselte die Führung häufig, aber dank Kira Walkenhorst, die den Satz mit zwei wunderschönen Assen beendete, gab es erneut einen Tie-Break.

Wenn sich alle in der Halle schon hier einig waren, dass es bereits zu diesem Zeitpunkt ein Spiel der Superlative war, setzten alle Akteure noch einen drauf. Nach erneut äußerst spektakulären Ballwechseln, Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, einem mit letzter Kraft abgewehrten Matchball der Gäste, entschied Jana-Franziska Poll mit einem alleine gestellten Block gegen die beste Angreiferin der Gegner das Spiel für die Alemannia. Was danach folgte, war Emotion pur. Der Scout der Mannschaft, Pascal Johnen, brach zunächst, zu Tränen gerührt, an der Bande zusammen, ehe die komplette Mannschaft über ihn herfiel – nur um eines der vielen Beispiele zu nennen, mal ganz davon abgesehen, dass ich vor lauter Begeisterung eh nicht mehr alles auf die Reihe kriege. Und die Apotheke in der Blondelstraße hat mir auch sehr mit Halstabletten weitergeholfen, damit ich meine darauf folgende Uniwoche nicht ganz so piepsig und krächzend gestalten musste.

Mein Fazit für die englische Woche:
Aachen ist geil, die Alemannia ist geil, Volleyball ist geil und alles zusammen ist unbeschreiblich. Ich kann es nur jedem empfehlen, mal in der Sporthalle Neuköllner Straße vorbeizuschauen. Es lohnt sich! Und ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der gewisse Emotionen, die ihm auf dem Tivoli ein wenig fehlen genau dort wiederzufinden scheint.

Hier gehts zu den Bildern vom Spiel gegen die Roten Raben Vilsbiburg»

Über Moritz

Moritz, seit 1998 Dauergast auf dem Tivoli, gilt als ehemaliger Volleyballer als unser Experte auf diesem Gebiet.
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  • Der letzte Satz lieber Moritz, trifft den Nagel auf den Kopf! Die letzten Spiele waren der Hammer und entgegen deiner Befürchtungen, der Text wäre nicht gelungen, sagen die Statistiken und Zugriffe von heute, dass jeder, der den Artikel angeklickt hat ihn auch gelesen hat 😉

    Ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der zum Thema Volleyball gerne mehr von Dir hier lesen würde. Schließlich bist Du auf diesem Gebiet der Kompetenteste in der Sportfreunde-Sportredaktion, oder wie man schon munkelt: Eine Koryphäe

    • Moritz

      Konifere, mein Freund! Konifere!

  • Andre Schnitker

    Habe schon lange nicht (und wenn, war es selten) einen so schönen Bericht über uns gelesen. Danke dafür! André Schnitker

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